Die Frösche am Teich quaken kommentierend zu dem, was sich in ihrer Heimat abspielt. Sie sind es gewöhnt, im Botanischen Garten Frankfurt abends allein zu sein, denn die kleine Oase schließt dann bis zum nächsten Morgen ihre Pforten. Doch jetzt bekommen sie es mit Mord und Verrat, mit Trauer und Rache zu tun. Erneut ist Regisseur PJ Escobio mit seinem Ensemble von Shakespeare Frankfurt für ein paar Wochen in die Natur hinausgezogen. Diesmal steht »Hamlet« auf dem Plan, das Meisterstück des von dem Amerikaner hochverehrten Dramatikers William Shakespeare. Schon am Zaun und dann noch an vielen weiteren Stellen des Areals weisen Schilder im Stil der rot-weißen Nationalflagge des Königreichs darauf hin, dass sich das Publikum nun in Dänemark befindet. Die Kostüme von Zahra Mashmul sind überwiegend der Neuzeit entliehen. Und Hamlet ist eine Frau. Susi Mauer, die kürzlich eine Schauspielausbildung in Cardiff abgeschlossen hat, spielt sie mit viel Wut, mit eindringlichen Emotionen, aber auch mit süffisantem Humor. Das Publikum folgt ihr und der Handlung, wie üblich, bei einem Spaziergang durch das Idyll. Drei Stunden lang, mit einer Pause, geht es, von Helfern zurückhaltend gelenkt, die Wege und Pfade entlang. Dabei nutzen die Schauspieler nicht nur die jeweiligen Standorte als Bühne; sie sind auch immer wieder weiter entfernt lustwandelnd oder im Gespräch zu entdecken, sodass sich der Eindruck hält, man sei wirklich eingetaucht in eine andere Welt. Dort, wo die Szenen etwas länger dauern, sind für die müden Beine Bänke hingestellt.
Sänger Paul Cowlan und Gitarrist Jack Rackham, die fahrende Spielleute mimen, sorgen schon vor Beginn mit einem kleinen Konzert für Stimmung. Im Innern der Monarchie sehen sich die Besucher erst einmal mit einer Fechtszene konfrontiert. Escobio wählt diese sportliche Disziplin als Basis, um nachvollziehbar zu machen, dass Hamlet in entscheidenden Momenten zu Stichwaffen greift, obwohl das nicht als die weibliche Art des Tötens gilt. Und dass das finale Duell in der nun angebrochenen Dunkelheit auf einer von zahlreichen Kerzen stimmungsvoll erhellten Lichtung auf diese Art ausgetragen wird. Hamlet steht dabei Laertes (N. Matthews) gegenüber, dessen Vater Polonius (R. Yearby) er eher aus Versehen auf dem Gewissen hat. Die Tat ist eine Folge der Ereignisse, die Claudius (M. Kinzer) auslöst, als er Hamlets Vater (P. Joyce) ermordet, um dessen Gattin Gertrude (S. Macey) und den Thron an sich zu reißen. Der Geschlechtertausch, der auch Hamlets treueste Begleitung Horatio (M. Kenny) betrifft, funktioniert, wenngleich Ophelia (L. Hortok), zu der die Titelfigur eine Liebesbeziehung pflegt, eine Frau bleibt. Das ist nicht zuletzt der beeindruckend starken, sicher auch physisch erschöpfenden Darstellung der Protagonistin zu verdanken, die die Last der ungewohnten Rolle mühelos trägt.
»Shakespeare in the Garden« bleibt ein kleines, funkelndes Juwel in der Theaterlandschaft. 2027 feiert die Idee mit »The Tempest« ihren zehnten Geburtstag. Die Zeit dazwischen überbrückt die Company im Internationalen Theater, wo am 1. Oktober überraschend kein Shakespeare-Stück, sondern die ebenfalls englischsprachige Premiere von Lope de Vegas »Fuenteovejuna« ansteht.
Shakespeare Frankfurt zeigt »Hamlet« im Botanischen Garten