Vier Tage nach der – äußerst erfolgreichen – Uraufführung von Oscar Wildes gesellschaftssatirischer Komödie »Bunbury oder die Wichtigkeit, Ernst zu sein« am 15. Februar 1895 im St. James Theatre in London hatte eine gezielte Provokation des 9. Marquess von Queensberry eine Folge von Gerichtsprozessen angestoßen, die zum abgrundtiefen Sturz des zuvor als größter britischer Bühnenautor seit Shakespeare gefeierten Lieblings ebenjener High Society führte, die er karikierte. Wilde wurde wegen »grober Unzucht« verurteilt zu zwei Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit, von denen er sich nie wieder mehr erholte.
Den gleichsam schreckensmythischen Fall aus der Geschichte der homophoben Verfolgungen bringt Michael Weber am Theater Willy Praml in einer queerästhetisch geprägten Szenenrevue – da wandert etwa mal ein aufgeklebtes Schnurrbärtchen hin und her – mit Personal und Dialogen des »Bunbury« zusammen. Ein intimer schwarzer Raum mit grellem Verhör-Scheinwerferkegel wird zum gleichsam raumlos-abstrahierten Ort der Gerichtsverhandlung, mit dem Richter als gottgleich von oben kommender Stimme einer unsichtbaren Macht, nach den überlieferten Gerichtsprotokollen. Oscar Wilde/Algernon, der mit spitzer Zunge kontert, wird verkörpert von einer geschlechtsüberschreitend spärlich bekleideten Person, Jakob Gail, in Glitzerweste, Herrenunterhose und Stöckelschuhen, mit einer im Zusammenspiel mit einem Butler, Reinhold Behling, Komik evozierenden Pfauenfeder. Die Akteure des sechsköpfigen Ensembles wechseln vielfach zwischen den Rollen und den Geschlechtern. Oscar Wilde wird später jeder einmal sein. Der »schwulen Sau«, so ein am Ende quer durchs Ensemble wanderndes herabwürdigendes Pappschild, ist der Prozess seiner erotischen Kontakte zu jungen Männern aus der Unterschicht wegen gemacht worden.
Mit Grellheit spart der Abend nicht. In raschen Schnitten wird zu Beginn wieder und wieder zwischen dem intim-klaustrophobischen Raum und der sich hinter dem Vorhang auftuenden Weite der industriehistorischen Naxos-Halle gewechselt, unter dem anarchischen Anti-Britannia-Gedröhne der Sex Pistols. Das Sofa, Epizentrum der Boulevardkomödie, wird zum Schauplatz von artifiziellen Slapstickverwicklungen.
Stichwort artifiziell: Einen simplen Spaß will Michael Weber sich nicht machen. Wenn er auf eines nicht aus ist, dann ist es ein Ausspielen als knallige Komödie. Das ist alles in einer fokussierten Weise intellektuell ansprechend, seinen vollen Spielwitz indes entfaltet es erst nach der Pause. Glanzstück ist eine Szene um die vermeintlichen Rivalinnen Gwendolina (Anna Staab) und Cecily (Moritz Bock), die beide versessen darauf sind, einen Mann namens Ernst zu heiraten, während es einen solchen gar nicht gibt. Eine ganze Batterie Tassen ist aufgebaut, bei jeder Erschütterung im Teegespräch lässt Gwendolina eine weitere und noch eine weitere klirrend zerdeppernd fallen, in sich steigerndem und steigerndem Takt gießt sie immer wieder neu ein. Eine Szene von einer frappierenden Komik. Zu nennen sind im durchgehend starken Ensemble des Weiteren Muawia Harb als Lord Worthing und Birgit Heuser als Geistlicher.
Wenn zum Ende hin der berühmte Filmtitel Rosa von Praunheims »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« (1971) zitiert wird, markiert das ein Ausrufezeichen, wo die Bilder des Abends bereits aussagestark genug sind. Man mag es freilich auch als eine Verbeugung vor dem kürzlich verstorbenen Pionier einer Emanzipation der Schwulen in Deutschland lesen, hochverdient allemal; insoweit: geschenkt.
Eine perverse Situation – »Bunbury« im Theater Willy Praml