Am Puls der Zeit – »Churchill in Moscow« im English Theatre

Tom Littler ist in Frankfurt kein Unbekannter. Fünf Theaterstücke und zwei Musicals hat der Brite zwischen 2014 und 2020 bereits am English Theatre inszeniert, zuletzt, unter den Beschränkungen der Corona-Pandemie, den Psychothriller »Switzerland«, ein Zweipersonenstück um Krimi-Autorin Patricia Highsmith, das auf einer einsam gelegenen Berghütte spielt. Jetzt ist der Hochgelobte mit dem Polit-Werk »Churchill in Moscow« zurückgekehrt, einer fiktiven Geschichte über das Aufeinandertreffen des britischen Premierministers mit dem sowjetischen Diktator Stalin im Kreml 1942 und die Verhandlungen über einen Zusammenhalt der beiden Großmächte im Kampf gegen Hitler trotz massiver Meinungsverschiedenheiten. Im Rücken der vermeintlich starken Männer ziehen die beiden Dolmetscherinnen ihre eigenen Fäden.
Das Stück des populären Dramatikers Howard Brenton ist das erste neue, das im Keller des Gallileo-Turms gezeigt wird, nachdem Intendant Daniel Nicolai und seine Truppe nach dem Streit um die Spielstätte und fast zwei Jahren Abwesenheit wieder in ihre angestammten Räume zurückgekehrt sind. Zuvor war schon das Musical »Something Rotten« wiederaufgeführt worden. »Daniel hat mich stets auf dem Laufenden gehalten«, erzählt Littler über den ganz eigenen Kampf der hessischen Theatermacher. Zudem habe es auf der Insel Presseberichte über die Ereignisse am Main gegeben. »Es gibt bei uns etliche Regisseure, die hier schon gearbeitet haben«, sagt Littler. »Das English Theatre ist eine wichtige Bühne für viele Menschen. Umso erleichterter bin ich, dass es weitergeht.«
Zusammen mit seiner Co-Regisseurin Rosie Tricks hat Littler die Inszenierung der Deutschen Erstaufführung an die hiesigen Bedingungen angepasst. 2025 wurde »Churchill in Moscow« in dem von ihm selbst geleiteten »Orange Tree Theatre« in London uraufgeführt. »Die größte Veränderung ist, dass wir bei der ersten Version eine Rundbühne hatten und das Publikum ganz nahe drumherum saß«, erklärt Tricks. »Jetzt haben wir eine klassische Frontalansicht, die einige der zentralen Fragen des Stücks neu entfacht hat: Ost gegen West, Kommunismus gegen Imperialismus oder Kapitalismus und die Kluft zwischen den beiden Seiten.« Die aktuelle Weltpolitik verleihe dem Geschehen eine neue Bedeutung, ergänzt Littler. »Als das Stück in Großbritannien lief, dominierte der Ukraine-Krieg die Nachrichten«, jetzt stehe die Palästina- und Iran-Krise im Vordergrund. »Wir sind alle gespannt darauf, ob die Verhandlungen dazu funktionieren.« Und genau darum gehe es auch in dem Stück: »Man hat das Gefühl, dass das Schicksal von Millionen Menschen auf den Schultern zweier Männer ruht, die einander nicht leiden können.» Nicolai ergänzt: »Genau das ist unser Anspruch: am Puls der Zeit zu sein und globale gesellschaftliche Ereignisse im Theater zu spiegeln.« Dabei bleibt der Humor nicht außen vor, und man sieht die menschliche Seite der Anführer.
Clive Brill und Kieron Jecchinis, Augustina Seymour und Mila Carter mimen das Quartett. »Es ist keine trockene Geschichtsdarstellung«, betont Littler. Aber auch kein Plot, der ablenkt vom Alltag mit seinen Bildern von Krieg und Elend. »Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber bei uns hören viele Podcasts zu historischen Themen«, sagt Littler. Ein ernstes Thema und unterhaltsames Vergnügen, »schließen sich nicht aus«.

Katja Sturm / Foto: © Martin Kaufhold
Bis 31. Mai: Di.–Sa., 19.30 Uhr; So., 18 Uhr
www.english-theatre.de

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