Auf Theaterbühnen ist E.T.A. Hoffmanns letzte Erzählung »Meister Floh« eine absolute Rarität – was kaum verwundern muss. Das anno 1822 erschienene Märchen um den schrulligen Kaufmannssohn Peregrinus Tyß spielt zwar im biedermeierlichen Frankfurt, konfrontiert uns aber mit Welten, die wie geschaffen für die Zeichentrickstudios von Walt Disney und Pixar oder für Comics erscheinen, für Theater aber eine Herausforderung sind.
Unter den Figuren finden sich schließlich nicht nur ein sprechender Floh, eine umtriebige Distel und wiederbelebte Wissenschaftler des Vorjahrhunderts. Fast alle Personen, mit denen es unser Protagonist zu tun kriegt, führen eine zweite Existenz. Sie begegnen Peregrinus im Alltag als Nachbarn, Untermieter, alter Freund, Bedienstete und schöne Unbekannte – und sind zugleich Teil eines mythischen Reichs, in dem ein tödlicher Kampf um eine Prinzessin entbrannt ist. Wer da an Avatare und Parallel- und Anderswelten denkt, liegt gewiss nicht falsch.
Das titelgebende Oberhaupt der Flöhe ist eine zentrale Figur dieses Konflikts. Nachdem sein Volk im Flohzirkus zu Kunststückchen gezwungen wurde, die jeden PETA-Anhänger in den Wahnsinn trieben, flieht er davon, um just an Weihnachten in einer Geschenkkiste beim selig feiernden Kaufmannssohn zu landen. Dass Meister Floh seinem weltabgewandt lebenden Gastgeber aus Dank ein winziges, ins Auge einsetzbares Mikroskop schenkt, mit dem sich Gedanken lesen lassen, kommt nicht von ungefähr. Denn nolens volens gerät nun auch Peregrinus in den Konflikt und kann den Lügendetektor gut gebrauchen. Mehr zur Handlung verraten wir hier nicht.
Regisseur Woody Mues verknüpft in seiner Mainz-Premiere die sieben Abenteuer des Protagonisten mit großem Strich und sicherer Hand zu einem vergnüglichen Erzähltheater, in dem nur Daniel Mutlu eine feste Rolle hat. Ein Glücksgriff, denn es macht Riesenspaß, dem Schauspieler auf seiner virtuosen Berg- und Talfahrt durch das Gefühlsleben des Peregrinus zu begleiten: mal kindlich froh, mal fassungslos und entsetzt, mal verliebt bis über beide Ohren, staunend, traurig, ratlos, vor allem aber immer wieder völlig überfordert. »Das ist doch alles ziemlich verwirrend für mich – und nicht nur für Sie«, spricht er in einer Szene seitlich geneigt ins Publikum und trifft damit ins Schwarze. Eine bestechende Performance. Und doch ist »Meister Floh« ein Ensemblestück, in dem sich Diana Storozhuk, Stephanie Kämmer und Holger Kraft über bloßes Zuspiel hinaus mit großer Spielfreude das knappe Dutzend der weiteren Rollen teilen.
Lediglich fünf nicht ganz längenfreie Viertelstunden dauert der Abend, der trotz seines »Es war einmal«-Beginns nicht in märchenhafter Historizität verharrt. Er bietet vielmehr ein Crossover zwischen Fantasy und Wirklichkeit, das in seinen Bühnenelementen (Holzhaus und Gabelstapler) und Kostümen (Kniebund und Shorts) durchaus im Heute anzudocken weiß. Da testet Peregrinus kurzerhand den Gedankenleser im Publikum aus und setzt zu guter Letzt dessen Nutzung für sich Grenzen, die an die aktuellen Diskussionen über Künstliche Intelligenz und Social Media erinnern. Sie sind uns im Denken und Handeln nicht fremd, Hoffmanns Charaktere.
Wer mehr über »Meister Floh« erfahren will, ist nicht nur gut mit der Lektüre des Buchs beraten, sondern auch in Frankfurt gut aufgehoben. Dort lädt uns an drei der Schauplätze (Roßmarkt, Börse, Altstadt) des Romans das Romantische Museum mithilfe einer GPS-gestützten Augmented-Reality-Anwendung (siehe Link) zu einer virtuellen Reise in die Stadt zur Zeit von »Meister Floh«.
Bestechende Perfomance U17 Mainz: Woody Mues inszeniert E.T.A. Hoffmanns »Meister Floh«