Herman Melville hat seinen Jahrhundertroman »Moby Dick« definitiv nicht für das Theater geschrieben. Dafür ist das 900-Seiten-Textmonster über die Abgründe der menschlichen Seele eigentlich viel zu komplex. Und dennoch ist es schon die sechste Variante von Käpt’n Ahabs rachsüchtiger Jagd auf den weißen Wal, die der Chronist im Frankfurter Kellertheater erlebt. Dort wagt es Regisseur Andreas Müller sogar, dieses Meisterwerk in nur 80 Minuten auf die Bühne zu bringen. In dichter, radikaler Reduktion, mit den einfachsten Theatermitteln.
Ein ziemliches Unterfangen, das Müller mit viel Gespür für die schier überbordende Themenvielfalt angeht: Da geht es um Wale und den Walfang in all seinen biologischen, historischen, technischen und ökonomischen Dimensionen. Da geht es um Naturbeherrschung und Naturzerstörung im direkten wie im übertragenen Sinn, um Gier, Obsession, Macht und Ohnmacht – und darum, was Menschen zu tun in der Lage sind und mit sich machen lassen.
Aber es geht auch um eine alle großen Religionen und Ethnien dieser Welt widerspiegelnde Crew aus Außenseitern und Underdogs, die auf der »Pequod« als Schicksalsgemeinschaft zum willfährigen Werkzeug eines Wahnsinnigen wird: Käpt’n Ahab, der in messianischer Rhetorik, die durchaus zu aktuellen Vergleichen reizt, die Jagd auf den Meeresriesen zum schicksalhaften Kampf gegen das Böse erklärt. Er würde auch die Sonne schlagen, lässt Melville die an Shakespeares Richard III. angelehnte Figur sagen.
Der Autor selbst vergleicht seinen Text mit dem »grauenhaften Gewebe« aus dem Tau und Trosse gemacht werden und prophezeit einer zartbesaiteten Leserin »Hüftschmerz und Hexenschuss«. Tatsächlich wurde sein alle Genres sprengendes Werk zu seinen Lebzeiten von kaum jemandem gelesen und erst in den 1920er-Jahren entdeckt. Bei uns wurde es vorwiegend als Abenteuerbuch für Jugendliche gelesen und durch die legendäre Verfilmung von John Huston mit Gregory Peck von 1956 bekannt.
Müller nähert sich dem Stoff über ein Kollektiv: Neun Darsteller*innen, einheitlich in dunklen Shirts und grauen Dockermützen gekleidet, teilen sich abwechselnd die Rolle des Erzählers Ismael. Auf Du und Du mit dem Publikum führt der einzige Überlebende der Expedition mit einer Prise Ironie in das abendliche Vorhaben ein (»Natürlich haben wir gekürzt«), bevor die Handlung die Leinen löst.
Was folgt, könnte man ein choreografisch bebildertes Hörspiel nennen – eine szenische Lesung, die immer wieder von verblüffenden Action-Einfällen durchbrochen wird. Das Ensemble wiegt sich im Takt, um die Fahrt an Bord zu simulieren. Das gemeinsame Rudern im WM-Wikinger-Stil inszeniert die Waljagd mit Fake-Harpunen direkt ins Publikum hinein. Mit Windmaschine, Plastikplane und Wassereimern wird ein reißender Orkan entfacht. Und im Hintergrund klopft es rhythmisch auf Holz zu Ahabs Schritten: der buchstäblich zu verstehende Auftritt des vom Wal »entmasteten« einbeinigen Kapitäns.
Der Kapitän, von Stephanie Manz in seiner Hybris mit Gehrock und Zylinder eindrucksvoll verkörpert, ist die eigentliche Hauptfigur dieses erstaunlich werknah bleibenden Stücks, das auch die biblische Begegnung mit dem Walfängerschiff »Rachel« oder die Reflexionen über die Farbe Weiß nicht ausspart. Als Kollektiv schlichtweg mitreißend sind die nicht immer leicht zu unterscheidenden Figuren: Vom Schiffsjungen Pip über den Steuermann Starbuck bis zu den Harpunieren und den eingeschworenen Matrosen ist das gesamte literarische Personal an Bord. Gleichwohl fordert das Tempo seinen Tribut. Melvilles tiefgründige Philosophie vermag Müller oft nur anzureißen. Wer weder den Roman noch das tolle Programmheft kennt, muss schon hochbegabt sein, um den existenziellen Dialog Ahabs mit dem Steuermann Starbuck um die Scheinhaftigkeit der Welt in seiner Tiefe sofort zu erfassen. Gleichwohl ist dem Regisseur ein spannender, unterhaltsamer, aber auch fordernder Abend mit Nachhall gelungen, den man sich keinesfalls entgehen lassen darf.
Frankfurter Kellertheater: Käpt‘n Ahabs Jagd auf Moby Dick im Rekordtempo