Geisterbeschwörung. »Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war« von Regina Schilling

»Ich existiere nur, wenn ich schreibe«, lautete das Mantra von Ingeborg Bachmann. In dieser filmischen Annäherung an die berühmte Schriftstellerin wird ihr Leben und Schaffen mit originalen Ton- und Bildaufnahmen erzählt – und mit
Sandra Hüller als Double und Bachmann-Flüsterin.

Ingeborg Bachmann war die bedeutendste deutschsprachige Schriftstellerin und Lyrikerin der Nachkriegszeit. Am 25. Juni jährt sich der 100. Geburtstag der gefeierten Autorin, deren Werk ebenso wie ihr kurzes Leben bis heute fasziniert. In diesem experimentellen Dokudrama wird sie gedoubelt von der Schauspielerin Sandra Hüller, die mit traumwandlerischer Sicherheit den richtigen Ton findet. Als Rahmenhandlung dient der, fiktive, Ablauf des Tages vor jenem schrecklich banalen Brandunfall, der 1973 zu Bachmanns Tod mit erst 47 Jahren in einem römischen Krankenhaus führte.
Die Annäherung an dieses Leben vollzieht sich auf mehreren Meta-Ebenen, in denen auf eigenwillige und poetische Weise versucht wird, Bachmanns Zerrissenheit als Künstlerin und Frau im Heute nachfühlbar zu machen. Es handelt sich, so geben Hauptdarstellerin Hüller und Regisseurin Regina Schilling im Film selbst die Richtung vor, um eine »Geisterbeschwörung, eine Séance«. Sandra Hüller spielt sich selbst, wie sie Ingeborg Bachmann spielt. Wir sehen, wie sie, im Smalltalk mit der Regisseurin, eine blonde Perücke angepasst bekommt und, sich sorgfältig schminkend, zum Bachmann-Lookalike wird. Wie sie in ihrer römischen Wohnung und durch antike Ruinen tigert, die Pflanzen auf der Terrasse gießt, kettenrauchend vor der Schreibmaschine sitzt.
Die Making-of-Spielszenen wechseln in kunstvoller Montage mit chronologisch geordneten Archivaufnahmen. Aus dem provinziellen Klagenfurt kommend, wird Ingeborg Bachmann, Tochter eines nationalsozialistischen Lehrers, in Wien schnell Teil der Avantgarde-Literaturszene. In Deutschland, das ihr zeitlebens »exotisch« vorkommt, steigt die ehrgeizige junge Dichterin zum Postergirl der Gruppe 47 auf. Ein Spiegel-Titelbild 1954 macht sie berühmt. Unablässig schreibend, leichtfüßig von Lyrik zu Romanen, Essays, Libretti und Hörspielen wechselnd, setzt sie sich thematisch oft mit dem Nachwirken der NS-Zeit, mit Geschlechterverhältnissen und der rettenden Kraft der Sprache auseinander. Beziehungen mit Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch, Reisen, Krankheiten, existentielle Krisen, fließen in ihr literarisches Schaffen ein.
Statt durch Erklärbär-Kommentare aus dem Off wird dieses prallvolle Leben mittels Bachmanns eigener Texte – Romane, Liebesbriefe, autobiografische Schriften – erzählt, mal von Bachmann selbst gesprochen, mal von Hüller. Bild- und Tonaufnahmen aus Interviews, Lesungen, Reden, setzen sich zu einem Porträt des Literaturmilieus der 50- bis 70iger Jahre zusammen. Zu Wort kommen auch die fast ausschließlich männlichen Kritiker der damaligen Epoche, etwa der nassforsche Marcel Reich-Ranicki. Fast lustig ist aus heutiger Sicht ihr unbefangener Sexismus angesichts dieses weiblichen Talentes. Und doch hat Ingeborg Bachmann – »ich bin nicht ganz Frau« – sich unter Männern wohler gefühlt als unter Frauen und empfand das sich Zurechtmachen als Maskerade.
Wirklich Neues erfährt man in diesem Dokudrama nicht. Doch seine spielerische Machart lässt die vielen Facetten von Bachmanns Sprachgewalt erneut aufblitzen und macht Lust auf die Lektüre.

Birgit Roschy / Foto: © Elliott Kreyenberg
>>> TRAILER
Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war
von Regina Schilling, D/A 2026, 95 Min.
mit Sandra Hüller
Dokumentarfilm, Biopic
Start: 25.6.2026
Am 21.6., 14.00 Uhr gibt es eine Kinotour-Veranstaltung im Frankfurter Cinema in Anwesenheit der Regisseurin Regina Schilling.

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