Ein Vermächtnis von Glenn Close: »Das Sommerbuch« von Charlie McDowell

Neben den Filmen, die mit Actionszenen und Schockeffekten das Kinopublikum in ihren Bann ziehen, gibt es eben auch Filme, die zum eigenen Nachdenken anregen und sich mit existentiellen Fragen beschäftigen, ohne belehren zu wollen. Charlie McDowells Verfilmung des bewunderten Buches der finnischen Autorin Tove Jansson gehört zu ihnen. Sie überzeugt besonders durch zwei grandiose Darstellerinnen und Sturla Brandth Grøvlens stimmungsvolle Bilder von einer finnischen Insel.

Die Schilderung der Insel habe es Regisseur McDowell, laut seinem Statement, angetan, als er das Buch mit Anfang zwanzig las. Es handelt von einer Familie, die den Sommer in ihrem Ferienhaus auf einer kleinen Schäreninsel im Finnischen Meerbusen verbringt. Die Lektüre versetzte McDowell zurück in die Sommerurlaube seiner Kindheit auf einer Insel vor der Küste von Massachusetts.
Auch das Episodenhafte des Buches mag seine Phantasie angeregt haben, war aber dem Fluss des Films nicht gerade förderlich. Deshalb ist es dem Drehbuchautor Robert Jones zu verdanken, dass der Film bei der Glättung der Übergänge seine Intensität nicht verloren hat.
Die Mutter der (im Buch) sechsjährigen Sophia ist gestorben, und so sind sie nur noch zu dritt, als sie auf die Insel kommen. Der Vater zieht sich sofort zurück, um seine Arbeit als Buchillustrator fortzusetzen. Hierzu ist zu sagen, dass auch die Autorin Tove Jansson Illustratorin war und mit den Mumins eine Reihe von Kinderbüchern und Comics schuf, die in vielen Ländern erfolgreich waren. Mit dem Sommerbuch hat sie den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten versucht.
»Er liebt mich nicht, seit Mutter gestorben ist«, sagt Sophia zu ihrer Großmutter, die ihre Aufgabe darin sieht, ihrer Enkelin über den Verlust hinwegzuhelfen. Nicht als Erzieherin, sondern als Welterklärerin, die mit ihren Fragen auch die kindliche Phantasie anregt. Was Sophia denke, ob es mehr Sterne im Himmel oder mehr Fische in der See gebe, fragt sie einmal.
Zusammen erkunden sie die unberührte Natur auf der Insel und unterhalten sich über Gott und die Welt, wie es so schön heißt. Nur nicht über Sophias verstorbene Mutter. Deren Strohhut hat die Großmutter bei der Ankunft sofort im Schuppen versteckt, um den Schwiegersohn vor schmerzlichen Erinnerungen zu bewahren.
Der Film versucht, eine wortlose Trauer zu schildern. Ein Wagnis, das durch die beteiligten Darsteller eindrucksvoll gelingt. Glenn Close scheint mit der Rolle der Großmutter ihrem Lebenswerk eine Art Vermächtnis anzufügen. Dazu hat sie sich der stundenlangen Anfertigung ihrer Altersmaske unterworfen. Die siebenjährige Emily Matthews legt ein famoses Filmdebüt hin. Mit ihrem natürlichen Spiel drückt sie ihre widerstreitenden Gefühle aus. Und Anders Danielsen Lie gibt den verschlossenen Vater, der später, als ein Sturm ausbricht, auch die Gelegenheit bekommt, der Tochter seine Liebe zu beweisen. Er hat wenige Auftritte, kommt aber nicht schlecht weg, denn der Film bezieht keine Stellung für oder gegen eine bestimmte Art zu trauen.
»Das Sommerbuch« zeigt geradezu archetypisch den Blick von drei Generationen auf das Leben und den Tod. Dabei stellt sich heraus, dass die eher am Anfang des Lebens stehende Enkeltochter und die am Ende stehende Großmutter einander besonders gut verstehen, weil sie offen für elementare Fragen sind. Wann sie sterbe, fragt Sophia einmal ihre Großmutter. Der Vater ist hingegen nicht geneigt, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, weil er auch seinen eigenen Tod verdrängt, was unausgesprochen bleibt.
In der TV-Talkshow »Nachtcafé« sagte ein Psychologe neulich, man solle in seinem Leben besser nicht nach Glück, sondern nach einem Sinn suchen. Eine derartige Suche zeigt »Das Sommerbuch«
auf beeindruckende Weise.

Claus Wecker / Foto: © filmkinotext
>>> TRAILER
Das Sommerbuch (The Summer Book)
von Charlie McDowell, FIN/GB/USA 2024, 95 Min., mit Emily Matthews, Glenn Close, Anders Danielsen Lie, Ingvar Sigurdsson, Pekka Strang, Sophia Heikkilä
Drama
Start: 25.6.2026

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