»Grönland Not for Sale« – eine Ausstellung im Kunstverein

Zunehmend intervenierend in gesellschaftliche Fragen versteht sich der Kunstverein seit geraumer Zeit, und die Zusammenarbeit mit interdisziplinärer Wissenschaft und auch handfestem politischen Engagement wie bei »Forensic Architecture«, die das rechtsextreme Attentat von Hanau 2020 minutiös aufarbeitete, gehört mittlerweile zur DNA des Hauses.
Eigentlich ist es da kein Wunder, dass in diesem Zusammenhang Grönland als Thema aufgegriffen wurde, das in den Fokus der Begehrlichkeiten Donald Trumps gerückt ist und unter der sattsam unschicklichen, ja skandalösen Oberfläche plötzlich Strukturen aufscheinen lässt, die durchaus untersucht und gezeigt werden könnten/müssten/sollten.
Denn ist Grönland wirklich unverkäuflich? Wenn man es nicht von seinen Bewohner*innen her denkt, sondern von seinem geopolitischen Gewicht, und natürlich auch von seiner Kolonialgeschichte her. Gehört Grönland denn wirklich unverrückbar zu Dänemark, vom dem es knapp 3.000 Kilometer Fluglinie entfernt liegt, wie sich eurozentristische Phantasien so beruhigend vorgaukeln?
Der Kunstverein bietet als Entree eine auf den Boden abgebildete Landkarte, die die Greenland genau dort zeigt, wo es wirklich liegt: als Nabel der Welt, gleichzeitig im Spinnennetz politischer Stratosphären. Eine verblüffend einfache, aber auch verblüffend überzeugende Idee hatte das Kuratorenteam um Leiter Beat Hächler und Filmemacher Gian Suhner vom Alpinen Museum in Bern und die Leiterin des Kunstvereins, Franziska Nori, um sich diesem vielschichtigen Thema zu nähern: es lässt die Bewohner*innen selbst sprechen. Kein interpretierender, einordnender Blick von außen, sondern ein Stimmen- und Meinungsgeflecht von innen. Dabei ist die vermittelnde Form ebenso simpel wie überzeugend: in den verschiedenen Sälen sind thematische Inseln aufgebaut, und Besucher*innen lassen sich vor Monitoren nieder, um per Kopfhörer Grönländer*innen zu sich sprechen zu lassen.
Da ist die wissenschaftliche Seite, die das ewige Eis von Grönland untersucht, da sind die landwirtschaftlichen Herausforderungen, die eine vom Eis bedeckte und größtenteils in winterliche Wetterverhältnisse versinkende Insel stellt, ebenso wie der kulturhistorische Bezug zum Fischfang. Welche Knollenfrucht beispielsweise lässt sich gut anbauen? Wie macht man sich unabhängig von Importen? Salat, Gurke, Gemüse sind durch den Transport extrem teuer, aber Experimente beweisen, dass Rhabarber, Rüben und Kohl sich sehr wohl mit den klimatischen Verhältnissen vertragen, sagt Kim Neider, Leiter einer Versuchsfarm. Wie lässt sich Tourismus unter den äußerst fragilen klimatischen Bedingungen gestalten, Bed and Breakfast, Reiten? Wie sehr wurde die grönländische Sprache von der dänischen Kolonialmacht eingeschränkt, welche Folgen für die eigene Identität hatte das, aber auch ganz simpel bei der Stellensuche z.B.? Womit beschäftigen sich Start-ups? Wie hört sich grönländische Popmusik an? »Zikaza« und »Sound oft he Damned« geben eine Antwort. Ist das Beharren bzw. Verteidigen einer kulturellen, von der Globalisierung abgewandten Identität revolutionär oder reaktionär? Und natürlich: welche immensen Folgen hat der unverhohlen fortschreitende Klimawandel für die Zukunft der Insel, gegen die keine Regierung zu intervenieren geneigt ist? Welche eigenen Parameter gelangen da ins Rutschen? Und welche gesellschaftlichen Konsequenzen hatte die Kolonisierung, die Frauen die Verhütung vorschrieb und ganze Familien und Dörfer umsiedelte?
Die Antworten sind Schnipsel aus einem Kosmos, die fragmentierte Annäherung findet von möglichst vielen Seiten statt. Den künstlerischen Kommentar liefert Julie Edel Hardenberg, die sich stark auf die Kolonisation durch die dänische Krone bezieht. Die schwarzen dicken Haare der heimischen Bevölkerung ziehen sich wie ein lebendiges Memorandum durch ihre hier präsentierte Werkserie »Nipangersitassaangitsut« (Those who can’t be silenced). Sie stören die Harmonie klarer Linien, glatter Farbflächen, sie drängen sich aus dem Untergrund an die Oberfläche.
Die kulturelle und gesellschaftspolitische Sichtbarmachung ist die erklärte Absicht der Ausstellungsmacher, wie viel davon die Besucher*innen sich ansehen, anhören möchten, liegt bei ihnen. Auf alle Fälle gefragt? Viel Zeit. Denn wo hat man sonst die Chance auf so viel Authentizität?

Susanne Asal
Foto: Kullorsuaq
Photographer: Julian Jonas Schmitt
Courtesy: ALPS Alpines Museum der Schweiz
Bis 11. Oktober: Di.–So., 11–19 Uhr, Do., 11–21 Uhr
www.fkv.de

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