Mann ohne Heimat – »Vaterland« von Paweł Pawlikowski

Ein langes, verzweifeltes Telefongespräch von Klaus Mann mit seiner Schwester Erika in einem tristen Hotelzimmer. Es ist das Jahr 1949. Der Krieg ist vorbei, aber es gibt keine Heimat, keine Identität, keinen Lebensmut. Der Vater, der berühmte Thomas Mann, wird zu einer Reise in die frühere Heimat aufbrechen, um im Westen wie im Osten jeweils einen Goethe-Preis entgegenzunehmen. Klaus Mann meint: »Er macht sich doch zum Affen!« Trotzdem verspricht er, Erika und den Vater bei ihrer Reise zu begleiten.

Nach dieser Pre-Titel-Sequenz folgt eine Fahrt durch die Trümmerlandschaft, in der sich aber offensichtlich schon das »normale« Leben wieder organisiert. Wir folgen einem Motorradfahrer, dahinter im Inneren eines Automobils Erika, die das Auto steuert, und Thomas Mann, Sandra Hüller und Hans Zischler, als angespannte und trostarme aber disziplinierte Fremde im eigenen Land. Erwartet werden sie von einem Politiker, komplett mit Amtsschärpe und ehrerbietiger Entourage, vor dem »Metropol Hotel« in Frankfurt am Main, Fotografen und Blumengebinde inklusive. Bei der Ankunft mischen sich Buh-Rufe in den Applaus, »Verräter«, gegenüber im Kino läuft ein Film namens »Das Flüstern des Schicksals«.
Hier schon mag eine Bewunderung für den Film von Paweł Pawlikowski beginnen, für seine ausgeprägte Rhythmik und sein Zeitempfinden, für die melancholisch-grau getönte Schwarz/weiß-Fotografie (Kamera: Łukasz Zal), und für die Aufmerksamkeit gegenüber allen Details und allem historischen Hintergrund zu einer zugleich sehr intimen Familiengeschichte. »Vaterland«, so entschlüsselt sich der Titel, handelt zugleich von einem äußeren Land, das die Familie Mann durch den Faschismus verloren hat, und von einem inneren Land, das der Vater, der »Zauberer«, errichtet hat, so erhaben wie unwirklich. So ist ein Zeitbild entstanden zur Situation aus Zerstörung, Wiederaufbau, Erneuerung und Fortwirken, und die Tragödie einer Familie, in der der Tod gegenwärtiger ist als die Offenbarung von Gefühlen.
Während man auf das Eintreffen von Klaus wartet, werden Briefe erhalten und dem CIA weitergegeben, die Thomas Mann als Landesverräter und kommunistischen Agenten beschimpfen. In den USA wird Thomas Mann bereits unter »Stalins fünfter Kolonne« gerechnet, und seine Staatsbürgerschaft steht in Gefahr. In Frankfurt appelliert er in seiner Rede und einer anschließenden Pressekonferenz an einen Humanismus jenseits der neuen Spaltung der Welt. Doch wenn die Kamera über die Gesichter im Saal fährt, dann ist da schon ein kleines Meisterwerk der nur leicht karikierten Charaktere der Kriegs- und Nachkriegszeit zu bewundern mit einer Spur des Georges Grosz-haften Schauderns auch. Überhaupt fehlen in diesem Film – durchaus realistisch – die grotesken Züge nicht (etwa wenn eine uniformierte Kindergruppe in der »Ostzone« skandiert »Wir grüßen unseren Thomas Mann«). Es folgt eine dramatische Begegnung von Erika mit ihrem einstigen Ehemann Gustav Gründgens, die mit einer öffentlichen Ohrfeige endet (»jemand musste es ja mal tun«), und ein groteskes Treffen von Thomas Mann und den Enkeln von Richard Wagner, die auf eine Wiedereröffnung der Festspiele von Bayreuth drängen (man muss nur »ein paar Flüchtlinge loswerden«) und die Fürsprache des Dichters erhofft.
Mit der Nachricht von Klaus’ Selbstmord wird die Reise zunehmend zur Flucht; man bricht nach Weimar auf, »bevor die Presse davon erfährt«. Die Fassade des olympischen Künstlers wird aufrechterhalten. Thomas Mann zeigt sich hart gegenüber dem »nach Aufmerksamkeit heischenden Kind« und, Erikas Gefühlsausbruch kommt erst bei einer johlenden Männergruppe, die sie als Mörder beschimpft. Im anderen Teil Deutschlands gibt es anderes Verhalten und andere Charaktere. Und dort gibt es eine ähnliche Einstellungsfolge auf die uniformierten und nachgerade mechanisch agierenden Besucher der Preisverleihung. Auch hier versucht man, sich den weltberühmten Namen nützlich zu machen; Johannes R. Becher bietet ihm die Präsidentschaft der Akademie der Künste an, mit der Revolution muss er als Repräsentant nichts zu tun haben – »dafür sorgen schon wir«. Was die doppelte Erfahrung dieses verlorenen Vaterlands anbelangt erlebt man da einen präzis ausgeführten cinematografischen Spiegel-Effekt, und dasselbe gilt auch für die familiäre Tragödie. Ähnliche Szenen, aber ganz und gar andere Empfindungen. Der Versuch von Thomas Mann, sich ganz im eigenen Denkmal zu festigen, der Besuch Erikas auf dem Friedhof, wo die Grabskulpturen merkwürdige Ähnlichkeiten mit Thomas und Klaus Mann und ihr selbst aufweisen. Thomas Mann, der hier schon gefangen in sich ist, in seinem eigenen Denkmal. Erst ganz am Ende gönnt der Film Thomas und Erika die so lange zurückgehaltenen gemeinsamen Tränen.
»Vaterland« ist ein sehr genauer historischer und biographischer Film, aber er ist auf einer anderen Ebene auch ein sehr aktueller und sehr allgemein gültiger Film. Der Bruch in der Gesellschaft ist wieder da, ebenso wie die Aussichtslosigkeit eines humanistischen Denkens zwischen den Blöcken. Es ist einer der wenigen Familie-Mann-Filme, die ganz und gar ohne die großbürgerliche Feelgood-Nostalgie auskommt. Stattdessen sieht er hinter die Kulissen der politischen Kultur, und hinter die öffentlichen Masken ihrer Repräsentanten. So nahe ist noch kein Film den Menschen in der Familie Mann gekommen. Und so genau hat noch kein Film die historischen Wurzeln der deutschen Kälte angesehen.

Georg Seeßlen / Foto: © Agata Grzybowska
>>> TRAILER
Vaterland
von Paweł Pawlikowski, D/PL/I/F 2026, 82 Min., mit Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl, Devid Striesow, Anna Madeley, David Menkin
Drama
Start: 03.09.2026

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