Den Libanon kennen wir aus den Nachrichten – oder meinen wir jedenfalls zu kennen. Doch wie leben die Menschen in diesem Land, das abwechselnd am Rand oder inmitten eines Krieges steht? Der Libanese Cyril Aris erzählt uns eine dramatische Liebesgeschichte aus Beirut und bringt das Kunststück fertig, dass wir uns in den handelnden Personen mühelos wiederfinden können.
Die Geschichte, die Hauptfigur Yasmina aus der Rückschau erzählt, beginnt in einer Klinik. Der kleine Nino wird um 17:05 Uhr geboren und eine Minute später in derselben Klinik sie selbst. In der Nähe richtet eine Bombe ein Massaker an, der letzte Abschnitt einer Eisenbahnlinie wird zerstört, und am selben Tag feiert sich der Libanon mit einem erfolgreichen Raketenstart als neue Weltraumnation. »Behalten wir diesen Tag in Erinnerung als den Tag der neuen Hoffnung in unserem Land«, verkündet ein Verantwortlicher.
Mehr Schicksal geht nicht. Und spätestens, als eine Flut von herabfallenden astronomischen Berechnungen dem erwachsenen Nino (Hassan Akil) die Sicht verdeckt und er mit seinem Wagen in das Haus von Yasminas Familie kracht, wird klar: Bei den astrologischen Zwillingen spielen die Sterne ein wichtige Rolle.
Seit Grundschultagen hatten sie sich aus den Augen verloren, in die sie sich in kindlicher Verliebtheit geschaut hatten. Das trifft mehr auf den kleinen Nino (Mohamad Farhat) als auf die skeptischere Yasmina (Alex Choueiry) zu. Auf einem verlassenen Bahngelände (demselben vom Beginn?) träumten sie von einem Zug, der sie zu einer friedlichen Insel fernab Beiruts bringen würde. Zur verabredeten Flucht tauchte Yasmina jedoch nicht auf.
Aber beide gehören zusammen, und der Film zeigt das in einer großartigen Szene nach Ninos Unfall. Nebeneinander umher gehend, telefonieren sie mit anderen Personen, aber ähnlichen Worten. Es ist ein sehr zwiespältiges »Wiedersehen« der einst Verliebten, bei dem sie versuchen, sich auf ihre Telefonpartner zu konzentrieren, und einander dennoch wahrzunehmen. Am Ende der Telefonate willigt Yasmina (Mounia Akl) ins Familienessen in Ninos Restaurant ein. Dabei soll geklärt werden, wie groß die Schäden sind, die Nino verursacht hat und für die er aufkommen will.
Das Essen endet im Chaos. Davor zeigt der Film aber – und das ist viel wichtiger –, wie Yasmina unter den kritischen Augen ihrer Mutter Oumaya (Julia Kassar) sich erneut von Nino angezogen fühlt. Yasmina hat erlebt, wie ihr Vater nach Europa ausgewandert ist und sie und ihre Mutter verlassen hat. Sie ist also sensibilisiert in Beziehungsfragen und stellt die Ernsthaftigkeit Ninos immer wieder in Frage. Zudem könnte sie sich mit ihrem anspruchsvollen Berater-Job in der Wirtschaft nach Europa versetzen lassen.
Nino hat als kleiner Junge seine Eltern bei einem Autounfall verloren und sucht auch als Erwachsener Nähe und Geborgenheit. Er drängt Yasmina dazu, sich für ihn zu entscheiden. Und dies umso mehr, als sie schwanger geworden ist. Er beteuert, dass er ohne sie nicht leben könne.
Die Frage, ob es zu verantworten ist, in diesem von Machtkämpfen zerrissenen Land ein Kind zur Welt zu bringen, verstärkt das Thema Weggehen oder Bleiben in einem Land, das die Menschen dort sowohl lieben wie unerträglich finden.
Damit verbindet Drehbuchautor und Regisseur Cyril Aris ein psychologisch heikles Thema: Es ist der Unterschied zwischen Lieben und Verliebtsein. Nino liebe nur ein Bild von ihr, sie sei aber in Wahrheit ganz anders, wirft Yasmina ihm vor. Damit trifft sie genau das Problem, das der ganze Film thematisiert. Wie weit akzeptieren beide einander jenseits ihres verklärten Blicks, und würde ihre Ehe halten können?
Bei all diesen existentiellen Fragen ist der Film eine poetische Romanze und bisweilen eine Komödie voller Ironie – etwa über die Macht der Sterne. Das liegt zum einen auch an der hervorragenden Kameraarbeit von Joe Saade, die der Regisseur zusammen mit Nat Sanders zu einem unwiderstehlichen Bilderstrom montiert hat. Zum anderen verzaubern Hassan Akil und Mounia Akl, mit ihrem Charme das Publikum. »A Sad and Beautiful World«, dieser Spielfilmerstling eines hierzulande unbekannten Regisseurs, der in Venedig einen Publikumspreis gewonnen hat, ist die Entdeckung dieses Kinojahres.
