»Komm mit mir in das Cinema – Die Gregors« von Alice Agneskirchen

Kennengelernt haben sich Erika und Ulrich 1957 nach einer Filmvorführung – wie hätte es auch anders gewesen sein können! Im Audimax der FU Berlin war gerade »Menschen am Sonntag« gezeigt worden, und gegen die allgemeine Begeisterung wandte sich die unerschrockene Erika, weil sie das Frauenbild in dem geschätzten Werk furchtbar fand. Dies zog wiederum den an Debatten über Filme interessierten Ulrich an, der in dem studentischen Filmclub nach jeder Vorführung eine Publikumsdiskussion angesetzt hatte.

Dass beide gut zusammenpassten, erkannte schon Ulrichs Vermieterin, die Erika bei ihrem ersten Besuch in seinem Zimmer ertappte und nach einer Tasse Tee befand, das Verbot von Damenbesuch gelte weiter, aber »Fräulein Steinhoff darf wiederkommen«. Ihre erste gemeinsame Nacht verbrachten sie am Schneidetisch, um eine Dialog-liste zu Renoirs »La bête humaine« anzufertigen.
Es sind Anekdoten dieser Art, die den Dokumentarfilm von Alice Agneskirchner so lebendig machen, diesen Film über ein Paar, das Filme zu seinem Lebensinhalt erkoren hat.
Uns Außenstehenden ist vor allem Ulrich Gregor als Filmkritiker bekannt geworden. Er schrieb für die seinerzeit angesehene Zeitschrift »Filmkritik« und für den »Tagesspiegel« und verfasste zusammen mit Enno Patalas das prägnante Standardwerk »Geschichte des Films«.
Zudem weiß man, dass er mit dem Kino Arsenal in der Westberliner Welserstraße das erste Programmkino hierzulande gegründet hatte und mit ihm die »Freunde der Deutschen Kinemathek« als dessen Betreiber. Und dass er als Gründer und Leiter der Berlinale-Sektion »Forum des internationalen jungen Films« das allzu etablierte Filmfestival entschieden belebt hatte.
Nun tritt seine selbstbewusste Frau Erika in den Vordergrund, ohne die Ulrichs Leben mit Sicherheit ruhiger verlaufen wäre. Nach Alice Agneskirchners Film können wir konstatieren: Ulrich Gregor war in Wirklichkeit ein Team! Ulrich ist ohne Erika nicht denkbar.
Das bestätigen auch die Regisseure des Oberhausener Aufbruchs und ganz besonders die Regisseurinnen, für die sich Erika energisch eingesetzt hat. (Daß die Zeitschrift »Filmkritik« ein sehr distanziertes Verhältnis zum jungen deutschen Film pflegte, bleibt in diesem schönen 68er/70er-Jahre-Bild unerwähnt.)
Auf jeden Fall haben die Gregors durch umfangreiche Retrospektiven die Filmkenntnisse der jungen Regisseure und Regisseurinnen wesentlich erweitert. So schwärmt Doris Dörrie von den wunderbaren Ozu-Filmen, denen sie ihren Film »Kirschblüten – Hanami« zu verdanken habe.
Die Zahl der Wegbegleiter dürfte riesig sein. Agneskircher hat nicht nur bewundernde Statements von vielen eingeholt, sie hat auch fleißig Bildmaterial aus den Archiven zusammengetragen. Das hat sie geschickt mit den aktuellen Aufnahmen verbunden, in denen wir die Gregors im Kino, im Arsenal-Archiv, in dem 16.000 Titel lagern, und in ihrem Haus sehen. Und mit zahlreichen Ausschnitten ihrer zahlreichen Lieblingsfilme. Eine wichtiges Ereignis in ihrem Leben war Claude Lanzmann und sein Film »Shoah«, der im Forum seine deutsche Premiere hatte.
Ausführlich berichten sie davon, wie sie sich bemühten, Filmkopien zu bekommen – in den frühen Jahren sprachen sie auf Erikas Drängen sogar in der Sowjetischen Botschaft in Ostberlin vor –, und wie ihnen Kopien angeboten wurden. Sicherlich sind sie ganz wesentliche Initiatoren der Programmkinos, die heute Arthouse-Kinos heißen und um ihren Erhalt ringen. Die Initiative zu den Kommunalen Kinos ergriff allerdings Hilmar Hoffmanns, was der von Senta Berger vorgetragene Kommentar verschweigt.
Das Arsenal war auf jeden Fall ein wichtiges Zentrum für Filmbegeisterte, der recht kleine Vorraum, in dem sich bisweilen das Publikum drängte, hatte eine Wohnzimmer-atmosphäre. Manchmal habe sie, wenn sie während einer Vorführung in den Kinosaal kam, das Gefühl gehabt, das Publikum atme mit dem Film, erinnert sich Erika heute, und Ulrich kann sich dieses Gefühl nicht so recht erklären. »Hm, geheimnisvoll«, sagt er.
»Wir wollten Filme zeigen, die aus innerer Überzeugung gemacht werden und nicht, um einen Profit zu erzielen«, fasst er zusammen. Andere Filme anders zeigen. Film als Kulturgut. Damit haben sie vielen Filmbegeisterten unvergessliche Stunden bereitet. Nach dieser famosen Hommage erfüllt uns tiefe Dankbarkeit.

Claus Wecker

KOMM MIT MIR IN DAS CINEMA – DIE GREGORS
von Alice Agneskirchner, D 2022, 155Min.
mit Senta Berger als Kommentatorin
Dokumentarfilm / Start: 01.09.2022

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