Auf dem Hamburger Fernsehturm nimmt ein Liebesdrama seinen Anfang und kehrt am Ende dorthin zurück. Mit »Geister« drehte Fatih Akin erstmals einen stilisierten Fantasyfilm am Puls der Großstadt.
Die erste Begegnung hätte ein Glücksfall werden können: Auf einer Abiturfeier im Hamburger Fernsehturm treffen Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin) aufeinander. Schnell erkennen sie zahlreiche Gemeinsamkeiten. Es betrifft nicht allein den Umstand, dass beide im ausgelassenen Treiben nur Mineralwasser trinken, sondern ebenso ihren hohen Notenschnitt und ihr Interesse an Physik. Doch das Unheil nimmt seinen Lauf: Auf der Heimfahrt mit Faris Kumpel Max (Gabriel-Winner Amorin) und Farashas angetrunkener bester Freundin Una (Carlotta von Falkenhayn) stellt diese den Verlust ihres Handys fest. Dass der spontane Weg zurück durch eine Baustellenbegrenzung keine gute Entscheidung war – davon künden nicht allein plötzlich einsetzende Blitze, sondern auch der anschließende Filmtitel »Geister«.
Was während der verhängnisvollen Fahrt passiert ist, wird dem Zuschauer in den folgenden 100 Minuten nur in kleinen Häppchen nachgereicht. In Details wie das Berühren ihrer Hände zeigte Fatih Akin zuvor die langsam aufkeimende Zuneigung zwischen Farasha und Faris. Als der 20-Jährige in einem Krankenhaus aufwacht, verschweigt ihm seine Mutter Mina zunächst den Tod seiner Zufallsbekanntschaft. Das verhinderte Treffen am nächsten Tag lässt den jungen Mann nicht mehr ruhen. Die Leidenschaft wächst, als Farasha in seinen Träumen erscheint. Für 40 Nächte darf sie zu ihm zurückkehren. Was als Geister-Liebesdrama wie »Ghost – Nachricht von Sam« beginnt, entwickelt sich zunächst zu einer Variante von »Sliding Doors«: Wie hätte ihr Leben in glücklicher Zweisamkeit aussehen können, wenn nicht das Schicksal abrupt zugeschlagen hätte?
Akin teilt das sinnliche Romantikdrama durch Gemälde und Tagesangaben in einzelne, unterschiedlich lange Kapitel. Die Zwischenbilder erinnern zunächst an die infernalen Flutwelten des Malers Katsushika Hokusai, später an ornamentale türkische Kunst und Collagentechnik, was den Tonfall vorgibt. Animes zählten zu den Inspirationsquellen des Filmemachers. Neben dem Thema Generationskonflikt vergisst er aber das urbane Setting als Kontrast nicht.
Der Einsatz melodramatischer Klänge kann manchem Film nachdrücklich schaden. Doch hier gehört der aufbrausende Score bewusst zum überhöhten Konzept. Musik unterschiedlicher Genres stellt bei dem Hamburger Filmemacher stets ein wichtiger Erzählfaktor dar. An einer Stelle fühlt man sich gar in seine Istanbul-Musikdokumentation »Crossing the Bridge« versetzt.
Neben den phänomenalen Protagonisten arbeitet Akin mit manchen Vertrauten zusammen wie Co-Autorin Ruth Toma, Cutter Andrew Bird und seine Entdeckung Anna Bederke als Faris Mutter, die in »Soul Kitchen« ihre ersten Kinorolle fand. Zum ersten Mal kommt Tom Tykwers Kameramann Frank Griebe zu Ehren, ohne dessen exaltierte Bildgestaltung »Geister« kaum funktioniert hätte. Teils baut er wie bei der Beerdigungsszene auf Realismus. Doch meistens findet er extreme Einstellungen für Faris extreme Gefühlswelt. Schon zu Beginn tanzt Mariam Dawoud bei der Feier mit und um die Kamera. Von ihrem Gesicht kann sich der Film am Ende kaum lösen.
Bald wird Farashas An- und Abwesenheit zur Bedrohung für ihren Liebhaber in spe. Doch das Schicksal hat bei Fatih Akin noch nicht das letzte Wort gesprochen.
