Um die Vielfalt der Stimmen geht es beim Tanzfestival Rhein-Main, aber auch darum, die Bewegungskunst in möglichst viele verschiedene Gesellschaftsgruppen hineinzubringen. Die Spotlight-Artistin der elften Auflage, Lia Rodrigues, steht vorbildlich dafür: Die Brasilianerin engagiert sich in Maré, einer der größten Favelas von Rio de Janeiro. Inmitten der dort herrschenden Armut hat sie ein Kunst- und Kulturzentrum gegründet, in dem sie kostenlos Tänzer ausbildet. Davon profitierten nicht nur diese, sagt die 70-Jährige. Auch sie selbst erlange durch die Begegnungen mit den jungen Menschen und die Arbeit mit diesen viel Wissen, das auch ihr eigenes Werk beeinflusse. »Ich gehe dorthin, um zu lernen«, sagt die Pädagogin.
Nach Hessen kommt sie mit drei Werken ihrer eigenen Kompanie, darunter das farbenfrohe »Encantado«, in dem es um die Verbindung von Mensch und Natur geht. Zudem nimmt die Südamerikanerin auch noch vier Kollegen mit auf die Reise nach Europa, die dem hiesigen Publikum weitere Einblicke in die Tanzszene ihrer Heimat eröffnen sollen. »Die Zusammenarbeit mit anderen ist für mich ein Lebensmotto«, sagt sie. Das wiederum zu dem Titel passt, das die Macher des Festivals diesem im Herbst 2026 gegeben haben. »A Body of Many – Moving Democracy« soll vom 30. Oktober bis 15. November eine ganze Region in Bewegung bringen. Unter den 85 Veranstaltungen in vier Städten, in Darmstadt, Frankfurt, Wiesbaden und Offenbach, finden sich nicht nur Aufführungen in bekannten Häusern wie den beiden Staatstheatern oder dem Mousonturm; die kanadische Performerin Dana Michel etwa setzt sich unter dem Titel »You cannot can« im Höchster Hallenbad damit auseinander, wie Herkunft und soziale Bedingungen das Verhältnis zum Wasser prägen. In der Alten Schlosserei in Offenbach wird bei »Sweat« von der Finnin Milla Koistinen bei sportlicher Anstrengung kräftig geschwitzt. Im Kunsthaus Wiesbaden nähert sich die in London lebende Künstlerin Grace Schwindt in »Love Letter to Those Who Did Not Survive« anhand von Tagebucheinträgen von Frauen aus unterschiedlichen Zeiten Kriegstraumata an. »Unseen World« vom Dansema Dance Theater aus Litauen spricht in der Wiesbadener Wartburg schon Babys ab sechs Monaten an. In »The Wheelie Show« von Eng Kai Er aus Singapur kreisen Rollstuhlfahrer und Fußgänger in Skates um soziale Normen und durch politische Landschaften. Literaten könnten Julio César Iglesias Ungos »Rain Maiden« interessant finden, denn der Kubaner fand dafür in Theodor Storms Kunstmärchen »Regentrude« seinen Ausgangspunkt. Dazu gibt es Workshops, Filme, Gesprächsformate, Partys und diesmal schon am ersten Wochenende den Tanztag mit Mitmach-Offerten von Anbietern aus der Region.
Eröffnet werden die Festtage am 30. Oktober im Großen Haus in der hessischen Landeshauptstadt mit einem Doppelabend der kanadischen Bewegungsschöpferin Marie Chouinard. Die »Grande Dame des Tanzens«, so Kurator Bruno Heynderickx, der Direktor des Hessischen Staatsballetts, führt ihre eigene Entwicklung vor, indem sie zwei ihrer Schlüsselwerke zeigt, zwischen deren Entstehung mehr als drei Jahrzehnte liegen. »Magnificat« erzählt von der Vision einer befreiten Welt, »The Rite of Spring« richtet den Blick auf das Leben selbst. »Für sie ist der Körper nicht nur ein Instrument«, sagt Heynderickx. »Sie antwortet mit ihm auf die Musik«, die in diesen Fällen von Johann Sebastian Bach und Igor Strawinsky stammt.
Die regionale Szene vertritt Patscharaporn Distakul mit »The Weight of Tending«. Den Impuls dazu verspürte die Debütantin beim Erforschen ihrer Familiengeschichte und als ihr thailändischer Großvater 100 Jahre alt wurde. »Er hat eine Karriere im Militär gemacht«, verkörpere für sie Patriarchat und strenge Disziplin. Sein Erbe wolle sie jetzt »archivieren«.
Dabei verbindet die Performerin ihre eigenen ersten Tanzerfahrungen aus einem Kurs in Thailand mit dem, was sie später während ihrer Ausbildung in Rotterdam lernte. »Bestimmte Qualitäten in meinem Körper wurden untergraben«, sagt Distakul mit Blick auf ihre Zeit in den Niederlanden. Jetzt erlaube sie es sich wieder, sie herauszuholen. Tanz kann auch Befreiung sein.
Das Tanzfestival Rhein-Main startet heute