Zeitweilige Flucht – »Spaziergang nach Syrakus« von Lars Jessen

»Ich bin nicht hartnäckig genug, meine eigene Meinung stürmisch gegen Millionen durchsetzen zu wollen, aber ich habe Selbständigkeit genug, sie vor Millionen und ihren Ersten und Letzten nicht zu verleugnen.« Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802.

Na, wenn das kein Filmstoff ist! Der perfekt recherchierte und bis ins Detail genaue Roman »Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus« von Friedrich Christian Delius, der mit einer ironischen Distanz zum eigenen Stoff beginnt:
Heute wäre die Geschichte einfach zu erzählen, ungefähr so: In der Mitte seines Lebens, im Sommer 1981, beschließt der Kellner Paul Gompitz aus Rostock, nach Syrakus auf der Insel Sizilien zu reisen. Der Weg nach Italien ist versperrt durch die höchste und ärgerlichste Grenze der Welt, und Gompitz ahnt noch keine List, sie zu durchbrechen. Er weiß nur, dass er Mauern und Drähte zweimal überwinden muss, denn er will, wenn das Abenteuer gelingen sollte, auf jeden Fall nach Rostock zurückkehren. An einem wolkenarmen Augustabend im Hafen von Wolgast auf der ›Seebad Ahlbeck‹, einem Schiff der Weißen Flotte, fällt der Entschluss, dem Fernweh endlich nachzugeben und das Land, um bleiben zu können, einmal zu verlassen. Gompitz ist müde, er hat den ganzen Tag die Urlauber zwischen Rügen und Usedom bedient mit Kaffee, Bier, Bockwurst, Käsekuchen. Die Abrechnung ist fertig, die Tische sind gewischt, er schaut auf das Wasser, Feierabend. Alles ist wie immer, nur im Kopf eine stürmische Klarheit.
Und so beginnt Paul langsam und vorsichtig, aber unbeirrbar, mit den Vorbereitungen für seine (zeitweilige) Flucht. Ein Boot will besorgt werden, mit dem man über Hiddensee erst einmal nach Dänemark gelangen kann; das beruflich angesammelte Westgeld muss über die Grenze geschmuggelt werden, ein Bekennerschreiben muss verfasst werden, um das Strafmaß bei der fest eingeplanten Rückkehr niedrig zu halten. Und bei alledem gibt es ja auch die Beziehung zur geliebten Anne, die nicht Teil von Pauls abenteuerlicher Reise nach Italien werden kann. Eine durchaus drückende Last auf der Befreiungsphantasie, die den Spuren des Dichters Gottfried Seume und seinem Buch »Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802« folgen soll.
Neben dem Reisebericht von Seume, einst selbst aus politischer Drangsal und erotischer Enttäuschung aufgebrochen, dient Delius’ Roman und dem Film von Lars Jessen der Bericht des Menschen als Bezugspunkt, der diese Reise wirklich unternommen hat, 1988, um nach acht Monaten Weg durch Italien freiwillig in die DDR zurückzukehren, die es nicht mehr lange geben sollte. Zwanzig Jahre nach Delius’ Roman veröffentlichte Klaus Müller seine eigene Version mit dem Titel »Gehen um zu bleiben«, was uns noch näher an die innere Spannung der Geschichte bringt. Klaus Müller oder Paul Gompitz, das ist kein DDR-Flüchtender, sondern einer, der sein Recht auf eine große Reise durchsetzt, und mit derselben Selbstverständlichkeit, mit er dem Einsperren entkam, auch wieder in seine Heimat zurück will, an die Küste von Mecklenburg, von der uns der Film ausgiebig überzeugt: Auch da kann es, graue Städte des Realsozialismus hin oder her, verdammt schön sein.
Das wäre, erst einmal, ein Schelmenroman, und deswegen hat der Held, jener Paul Gompitz in seiner etwas introvertiert-entschlossenen Art, natürlich von Anfang an unsere trotzige Sympathie, und so jemanden kann kaum jemand so überzeugend verkörpern wie Charly Hübner. Da hätten wir einen Thrill-Aspekt, eine Flucht, die immer wieder zu scheitern droht, und einen Satire-Aspekt, denn die Leute, die in der DDR für Ruhe und Ordnung und die Sicherung der Grenzen sorgten, sind so wie die Erfüllungsgehilfen von Herrschaft überall sind, furchtbar und zugleich auch furchtbar komisch. Aber da nun eben ist die Beziehung zur geliebten Frau, Anne, der »notwendige« Betrug; sie wird dargestellt von Lina Beckmann, die wir als »Polizeiruf«-Kommissarin kennen und die auch privat mit Charly Hübner verbunden ist. Das gibt dem Film als dritte Ebene ein eher intimistisches Drama mit. Alles drei, die abenteuerliche Flucht-Geschichte, die soziale Satire als Schelmenstück, und das Beziehungsdrama unter Druck finden sich zu einer hübschen Film-Novelle mit viel Atmosphäre, mit viel Menschlichkeit und mit einigen schönen Regie-Einfällen. Aber bei alledem muss sich der Film auch in sehr engen, selbstgewählten Bahnen bewegen. Zu vieles ist ja vorgegeben und vor-geschrieben, und eine Folge davon ist, dass der in der Handlung eher nicht geschwätzige Paul als Off-Erzähler ein wenig zu viel redet. »Bis heute ist mir nicht ganz klar, ob mich Italien lockte, oder die DDR von sich stieß«, läßt er uns wissen. Wie so vieles hätten wir das auch Paul, seinen Mitmenschen und den Verhältnissen, in denen sie leben, besser angesehen, als es gesagt zu bekommen. Für die Reise selbst interessiert sich der Film denn folgerichtig auch nicht mehr so sehr. Reisen, sagt Lawrence Osborne, bedeutet, sich dem Unvorhersehbaren und Unberechenbaren auszusetzen. Natürlich gilt das auch für Kino-Reisen.
So ist »Spaziergang nach Syrakus« ein Film, in dem man sich wohlfühlt und in dem man Sympathien entwickelt. Nur zu einer wirklichen Reise ist man nicht aufgebrochen.
Es gibt übrigens einen schönen Essay-Film, der direkt auf Seume zurück geht, aus dem Jahr 1993 und von Constantin Wulff und Lutz Leonhardt: »Spaziergang nach Syrakus« ist ein assoziativer und unvorhersehbarer Film-Essay über eine Wanderung auf den Spuren von Johann Gottfried Seumes Reisebericht, entstanden aus realem vielmonatigem Gehen. Da fallen Filmen und Reisen wirklich zusammen. Vielleicht muss man die beiden Filme zusammen sehen, um wirklich nach Syrakus zu kommen. Und zurück.

Georg Seeßlen / Foto: © Pandora Film
>>> TRAILER
Der Spaziergang nach Syrakus
von Lars Jessen, D 2026, 98 Min.
mit Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten, Bruno Di Chiara, Jens Münchow, Tom Jahn
Drama
Start: 20.08.2026

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