»Im Spiegel meiner Mutter« von Jutta Brückner

Jutta Brückner, eine der Pionierinnen des feministischen Autorenkinos, befasst sich in ihrem ersten Film seit 21 Jahren mit dem Verdrängten eines Frauenlebens und dessen toxischen Auswirkungen auf die Tochter – Corinna Harfouch als Archäologin, die Ausgrabungen in ihrer eigenen Vergangenheit vornimmt.

Im Keller des Instituts für Archäologie liegt eine Moorleiche, eine Frau mit abgetrenntem Kopf. Für die Archäologieprofessorin Ursula Scheuner ist diese Leiche vielleicht die Geheimwaffe, mit der sie ihr von Schließung bedrohtes Institut retten könnte. Weil die Bergung dieses sensationellen Fundes aber rechtlich gesehen nicht ganz hasenrein ablief, muss er erst einmal geheim gehalten werden. Die Konservierung übernimmt deshalb unter dem Siegel der Verschwiegenheit Ursulas neue studentische Aushilfe Mel. Diese, eine ausgesprochen unkonventionelle und selbstsichere Person, wird zu Ursulas Vertrauter. Denn Ursula kämpft nicht nur um ihr Institut, sondern steht auch privat unter Druck. Vor wenigen Tagen starb ihre Mutter, zu der sie eine schwierige Beziehung hatte. Von Erinnerungen überschwemmt, wird sie außerdem von der Frage umgetrieben, ob beim Tod der Mutter im Pflegeheim alles mit rechten Dingen zuging.
Regisseurin Jutta Brückner, gerade 85 Jahre alt geworden, gehört zur Riege jener Autorenfilmer, die besonders in den 70er und 80iger Jahren das deutsche Kino prägten, und ist eine der zentralen Vertreterinnen des feministischen Films. In ihrem ersten Film seit »Hitlerkantate« vor 21 Jahren kehrt sie zu ihrem großen Thema, der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Bedingungen des Frauseins und insbesondere Mutter-Tochter-Beziehungen zurück.
Das Renovierungschaos in Ursulas Institut, wo diverse Baustellen den gewohnten Seminarbetrieb behindern, steht sinnbildlich für Ursulas mentales Chaos. Das Aufräumen des Krempels im Haus ihrer Mutter wird von Gedächtnisblitzen begleitet, in denen Ursula von verdrängten Dramen ihrer Kindheit erneut heimgesucht wird. Der Mutter Qual und Ehekrise, ihr Frust über begrabene Lebensträume, an der Tochter ausgelassen, und die passiv-aggressiven letzten Begegnungen mit der dementen alten Dame: all das beschäftigt Ursula mindestens so sehr wie ihre Mutmaßungen über die Leiche im Keller.
Die heiter-mysteriöse Mel wird zur Stichwortgeberin und zum Motor einer Selbsterforschung, die noch viel weiter als bis zum Schicksal der Großmutter im zweiten Weltkrieg zurückreicht. Archäologin Ursula fordert ihre Studenten nicht nur mit Fragen zur Interpretation der »Venus von Willendorf«, deren Statuette ein Leitmotiv des Films ist, heraus. Auch Botticellis berühmte »Geburt der Venus«, die Vulvenbetrachtung in Gustave Courbets Gemälde »Der Ursprung der Welt« und last not least #metoo kommen in dieser kaleidoskopisch ausgebreiteten Betrachtung feministischer Belange auf den Tisch.
Corinna Harfouch als zwischen Gegenwart und Geistern der Vergangenheit getriebene Heldin und Carla Juri (»Feuchtgebiete«) als Assistentin spielen sich geschmeidig die Bälle zu. Doch wo bereits die Moorleichen-Handlungsprämisse verstörend unplausibel ist, wirkt die Geschichte insgesamt oft hölzern und didaktisch. Die Überfrachtung mit Botschaften nimmt dem Mystery-Drama, das aufzeigen will, wie viele Frauenleichen in der Tiefe des Sumpfes, von dem Ursula alpträumt, noch auf ihre Entdeckung warten, einiges von seinem anfänglichen Reiz.

Birgit Roschy
>>> TRAILER
Im Spiegel meiner Mutter
von Jutta Brückner, D 2026, 95 Min.
mit Corinna Harfouch, Samuel Finzi, Carla Juri, Nina Kunzendorf, Hildegard Schmahl, Sebastian Schwarz
Drama
Start: 13.08.2026

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