Das Buch ist bunt. Sogar sehr farbenfroh, nämlich illustriert von Kat Menschik, die mit ihren eigenwilligen, plakativen Bildern (nicht nur allen Lesern des TV-Programms der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) bekannt geworden ist und seit einigen Jahren in dem Berliner Galiani Verlag eine eigene kleine Buch-Reihe herausgibt. Klassiker, Entdeckungen, etablierte und junge Autoren. Hier ist nun auch Monika Helfers neues Buch erschienen. Gerade mal 89 Seiten lang. Man kann es, in mehrfacher Hinsicht, eine Entdeckung nennen. Die Autorin, durch Romane, Erzählungen, Kinderbücher, zwar seit Jahrzehnten bekannt und spätestens mit dem Roman »Die Bagage« auch international erfolgreich geworden, hat sich hier nämlich auf ein spannend vertracktes Experiment eingelassen, um die Titelfrage zu beantworten: »Wer bist du?«.
Los geht es mit der Behauptung: »Diese Geschichte erzählte eine Frau und erlaubte mir, sie aufzuschreiben. Ich lasse sie hier sprechen.« Vor etwa zwanzig Jahren, jedenfalls noch vor Einführung des Euro, steht ein kleines Mädchen vor meiner Tür, streckt mir einen 1.000 Schilling-Schein entgegen und fragt: »Gehört der dir? Habe ich vor deinem Haus auf der Straße gefunden.« Mein Vorschlag, das Geld ihrer Mutter zu geben, wird vehement abgelehnt, denn, wie sich herausstellt, ist die Mutter eine schwierige, unberechenbare Person. Der getrennt von ihr lebende Vater zieht die drei gemeinsamen Jungen auf. Nur die neunjährige Michi ist bei der Mutter geblieben, weil die drohte, sich umzubringen.
Ich schlage ihr einen »deal« vor. Ich wechsele den Schein in 100 Schilling-Noten, lege sie unter den Stein vor der Tür und wann immer Michi Geld braucht, bedient sie sich. Kurze Zeit darauf wird Michaela Beer, wie sie richtig heißt und ich aus der Zeitung erfahre, als vermisst gemeldet und »nie mehr gefunden«. Ich wäre gerne selber so wie Michi gewesen: »stark, zielbewusst, ohne Angst, unbestechlich, hart im Nehmen«. Die Geschichte der kleinen Michi lässt mich nicht los, immer wieder muss ich an sie denken. Ich kaufe mir eine Puppe, die ich Michi nenne und mit der ich spreche. Aber eigentlich besteht mein ereignisloses Leben, mein Mann ist bereits tot, mein zwanzigjähriger Sohn mit sich selbst beschäftigt, aus Beobachten, denn ich bin der festen Überzeugung, »Menschen, die beobachten, sind nicht einsam. Selbstgespräche sind nicht verrückt, sie sind das Gegenteil, sage ich. Sie sind vernünftig.« Dann geschieht das Unglaubliche. Fünfzehn Jahre sind vergangen, als »eine junge Frau, Mitte zwanzig, dunkle Haare, schattige Augen, etwas übergewichtig« an meiner Tür klingelt. Es ist Michi, die sich jetzt Valerie Sonntag nennt. »Walli« zieht bei mir ein, nennt mich »Tante« und erzählt eine aberwitzige Geschichte. Sie wurde angeblich von einem reichen Kölner Ehepaar adoptiert, aber als beide starben, von einem gierigen Neffen um ihr Erbe gebracht. Bald wird der »Tante« klar, dass Michi oder »Walli« eine üble Lügnerin ist. Ihren Sohn kann sie nicht bitten, ihr zu helfen, »er würde mich auslachen. Typisch Mama, würde er sagen, du siehst nur und denkst nicht … Und dann kommt sie an und hockt sich in dein Leben hinein. Wo lebst du denn Mama, würde er sagen. In einem Märchen?«. Aber es kommt noch schlimmer. Als ich sage, sie müsse sofort ausziehen, weil ich bald eine Operation habe, antwortet »Walli«: »Ich bleibe. Ich jedenfalls bleibe.«
Das kleine Büchlein ist intensiv, spannend. Es ist auch rätselhaft und abgründig. Manches wirkt fast unheimlich. Es bleibt offen, was wahr ist oder erfunden wurde. Vieles klingt glaubhaft, manches unwahrscheinlich, einiges absurd. Mit diesem kleinen Buch ist Monika Helfer ein großer Wurf gelungen. Sie erzählt eine spannende Geschichte. Sie führt uns die Durchlässigkeit auf verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit vor.
Die großartigen Illustrierungen von Kat Menschik unterstreichen die Doppelbödigkeit dieser Geschichte. In einem »Anhang« über dieses Buch erklärt sie die Überblendungen der Bilder. Sie will eine Art Bewegungsunschärfe darstellen. Auch mit den Farben, die sie gewählt hat, versucht sie »das Schillernde der Erzählung einzufangen«.
Am Ende geht die Frau, die diese Geschichte aufgeschrieben hat, mit der Verzweifelten zu deren Haus. Und dann heißt es: »Eine Frau hat mir diese Geschichte erzählt, ob sie die Wahrheit sagte, kann ich nicht wissen.« Sie sprach davon, dass »Walli« ihr das Haus weggenommen habe. Deshalb bietet die Frau an zu vermitteln. Sie gehen zu dem Haus, klingeln. »Eine junge Frau kommt zur Tür, sie trug einen Kimono«. »Sehen Sie, sagte die Frau, sie trägt mein bestes Stück! Werden Sie das bezeugen?« Die Frau im Kimono bittet sie freundlich herein, fragt, was sie anbieten dürfe. Und dann, der letzte Satz: »Die Frau an meiner Seite sank in die Knie, sagte sanft, als ob die zitierte: »Vögel fliegen, wenn die Augen sterben.« Damit sind die Rätsel nicht gelöst, aber sicher aufbewahrt.
