Die Ausstellungen im Museum Sinclair-Haus Bad Homburg sind stets irgendwie pädagogisch, ohne jedoch belehrend zu sein. Will heißen: ein Rundgang durch die meist naturkundlichen Projekte hinterlässt das Gefühl, intensive Einblicke in Lebensbereiche erhalten zu haben, die wir im Alltag eher als Selbstverständlichkeiten kaum noch wahrnehmen.
Das neue Projekt »Vogelperspektiven – Die Vögel und wir«, das seit 22. März schon viele Besucher anzieht und bis 9. August zu erleben sein wird, beleuchtet unser Zusammenleben mit den gefiederten Freunden gewissermaßen »auf Augenhöhe«.
Da hat beispielsweise die finnische Künstlerin Sanna Kannisto Waldvögel in einer Art kahlem Atelier vor weißer Kulisse gefilmt, wie sie sich auf kunstvoll arrangierten Ästen bewegen: das ist für uns Beobachtende so etwas wie einander »auf Augenhöhe« betrachten. Dabei bewusst wahrnehmen, welch zarte Wesen mit wachsamen Augen uns Menschen zu beobachten scheinen.
Im Erdgeschoss des Sinclair-Hauses sind großflächige Ornitographien des katalanischen Fotografen Xavi Bou zu bewundern, die die Flugbahnen einiger Vögel sichtbar machen, indem er sog. Hochgeschwindigkeitsvideos aufnimmt und diese mit 300 bis 5.000 Bildern quasi überlagert. Daraus entstanden sind faszinierende, poetische Bilder, die den Vogelzug verschiedener Vogelarten wie luftige Wellen visualisieren.
Die Frankfurter Künstlerin Vroni Schwegler erinnert im Gang des Obergeschosses mit zunächst Öl auf Papier gemalten, danach ausgeschnittenen Taubenmotiven an die Vögel, denen wir im Alltag der Städte eher unfreundlich begegnen. Dabei, so heißt es in der Beschreibung, »haben die Menschen ihre problematischen Lebensbedingungen verursacht. Der Umgang mit diesen Vögeln zeigt, wie schnell Mitgefühl schwindet, sobald es um ›eigene‹ Territorien geht.«
Bemerkenswert ist auch ein Raum des »Nachtigallen-Wettstreits« gestaltet, in dem komplexe Gesänge (es heißt, das Nachtigall-Männchen habe bis zu 200 »Strophen« auf Lager) zu hören sind. Interessant zu erfahren, dass diese Gesänge sowohl eine Art Kommunikation zwischen den Vögeln, als auch als Abgrenzung ihrer Reviere zu verstehen sind. Eine Reihe von Fotografien zeigt in Ergänzung dazu solche »Reviere« von Nachtigallen in Berlin, ohne die Vögel selbst zu porträtieren.
Auch ironisch darf’s zugehen, wo der Künstler Matthias Garff Vogelskulpturen aus Alltagsgegenständen und Fundstücken präsentiert: da werden alte Lederhandschuhe schon mal zu Flügeln, ein spitzer Schuh wächst aus einer Skulptur als Schwanz heraus oder eine Schüssel bildet den Kopf eines Vogels. Unübersehbar eine über zwei Meter hohe »Goldammer«, zusammengesetzt aus teils recycelten Materialien, alten Rohren, Holz und Stoff.
So bieten diese erstaunlichen Exponate durchaus nicht nur Einblicke in »Vogelperspektiven«, sondern verweisen auch kritisch auf den weltweiten Rückgang vieler Vogelarten, deren Lebensräume wir Menschen immer mehr einengen und somit eine allseits gewünschte Erholung des Ökosystems verhindern. Höchste Zeit, den munteren »Mitgeschöpfen« auf, siehe oben, »Augenhöhe« und der Umwelt endlich wieder mit mehr Schutzbewusstsein zu begegnen.
Die Ausstellung wird durch vielfältige kreative Angebote ergänzt: Workshops und Ferienkurse für Kinder etwa, Familienführungen, Musik und Literatur im Kontext mit den »gefiederten Nachbarn« oder ein Schreibworkshop »Hier piept´s wohl«.
Nicht zu vergessen: mittwochs ist das Museum kostenlos zugänglich!
Alle Vögel sind schon da – »Vogelperspektiven« im Museum Sinclair-Haus