Museum Sinclair-Haus zeigt »Tempo! Alle Zeit der Welt«

Was für ein Erlebnis, nur wenige Tage nach der Verkündung des Tempo-30-Limits in Paris durch Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo mit dem aufheulenden Roar eines Ferrari 275 GTB und dessen quietschenden Pneus in den Ohren früh morgens durch die kaum belebten Straßen der französischen Hauptstadt zu rasen! Der französische Regisseur Claude Lelouche hat den Höllentrip 1976 aus der Cockpit-Perspektive gedreht: Ohne Schnitt und ohne Halt: Immer wieder krallen wir uns fest auf unserer Bank, stockt uns der Atem, wenn es in die Kurven und über rote Ampeln geht. Dass unser donnernder Bolide die wenigen Menschen draußen wenig beeindruckt, klärt sich schnell auf. Der Ferrari ist wohl gar keiner, der Regisseur hat den Sound nachträglich unterlegt
Acht Minuten 49 Sekunden währt die mit unseren Sinnen spielende Fahrt von La Defence zum Triumphbogen bis hinauf zum Montmartre. Weil es kein amerikanischer Film ist mit Bang und Crash, sondern ein französischer, endet er mit einem Rendezvous und heißt auch so: »C’était un rendez-vous«.
Willkommen im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus bei der Themenschau »Tempo! Alle Zeit der Welt«, wo es allerdings weniger um Speed, als um die Tempi des Lebens geht; um die ganz im Sinn der Salomo-Predigt zu fassenden Zeiten eines allen und jeden auf der Welt, und um unsere Beziehungen zu ihr, als ihr Erfinder, Dompteur und Opfer – von Künstlern und mit naturwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Exponaten in Szene gesetzt. Selbstredend spricht das von der Stiftung Natur und Kultur geführte Haus mit dieser Setzung wesentlich unseren Umgang mit der Natur und Umwelt an, die folgenreichen Kollisionen von menschengemachten Zeittakten mit den biologischen Kreisläufen und der Materie.
Letzteres versinnbildlicht der aus den Tiefen des Westerwalds stammende Grubenton, den Simone Kesslers Arbeit »Erdzeit« auf einer Stahlplatte wie Frischfleisch im Supermarkt präsentiert – vier in Plastik eingeschweißte Brocken. Mit der Feuchtigkeit der in rund 30 Millionen Jahren aus Kies, Sand und Schlamm geformten Materie bleibt so auch deren Leben erhalten. Es ist eine Momentaufnahme, mit der die Zeit angehalten wird.
Noch viel weiter zurück, nämlich dreieinhalb Milliarden Jahre, geht Primo Levis Geschichte vom abenteuerlichen Leben eines Kohlenstoffatoms, die sich in Zitaten über die Wände des Erdgeschosses zieht. Dem italienischen Dichter und Chemiker gelingt es, mit der eingängigen Schicksalsschilderung die Erdgeschichte und die der Menschheit mit dem zeitbeschleunigten Alltag der Moderne zu verbinden. Veranschaulicht werden seine Einsichten vorzüglich mit Objekten aus dem naturwissenschaftlichen Spektrum. Wie der vom Senckenberg-Museum beigesteuerte in Jahrmilliarden aus Mikroorganismen gebildete Stromatolith aus China. Oder die Keilhaue aus dem Bochumer Bergbaumuseum. Oder Hans Reineckes Fotografie »In die Welt der veränderlichen Dinge«, die ein Kalkwerk im Erzgebirge zeigt.
Wohl dem also, der sich für naturwissenschaftliche Zusammenhänge interessiert, wehe uns, die wir das nicht gänzlich verstehen in dieser Zeit.
Die anspruchsvolle, rund 15 künstlerische Positionen enthaltende Schau bietet auch jenseits des Szientifischen genug zu schauen und denken. Zum beispiel den für die Agrargesellschaft stehenden prächtig präparierten Hahn aus dem Museum Wiesbaden und eine hübsche Sammlung seiner mechanischen Nachfolger aus dem Industriezeitalter. Johanna Domkes Film »Sleepers«, zeigt schlafende Menschen auf dem Flughafen London Heathrow, die zur Unzeit in den Urlaub fliegen wollen. Jeden Tag, jede Stunde und in derselben Position hat Tehching Hsieh sich selbst fotografiert. Sein Schnelldurchlauf »One Year Performance« demonstriert am Ende ein von den Zeittakten völlig erschöpftes Gesicht. Cesar Kuriyama hat im Alter von 30 und 36 Jahren je ein Jahr lang ganz nach Gusto gelebt und diese kostbare Zeit in Momentaufnahmen dokumentiert. »1 Second every day« in sechs Minuten 38 Sekunden ein Jahr der Wünsche. Bänke aus Stahl, auf denen sich nicht zu zweit sitzen, geschweige denn liegen lässt offenbart die »passive Architektur«, die die Fotografin Sanja Ivekovic in ihrer Serie »You Probably Never Noticed Before« festhält. Konstruktionen im öffentlichen Raum, die ihre Nutzer konditionieren.
Eine Sanduhr lädt uns dazu ein, das sofawand-beschaulich anmutende Gemälde »Alpenpost« von Carl Bössenroth näher anzuschauen. Und tatsächlich: der schnurgerade mit Pflöcken gesäumte Weg, den die Pferdekutsche in der zauberhaften Berglandschaft von Südtirol befährt, ist der Natur abgetrotzt – zum Zwecke des schnelleren Transports von Menschen, Dingen und Informationen. Noch eine Momentaufnahme also von einem Prozess, der sich bis zu den Datenhighways der digitalen Netzwerke erstreckt und weitergeht. Wie lange noch, ist denn eine der Fragen, die nicht ausbleiben, so sehr die Ausstellung darauf verzichtet, auf Katastrophe zu machen. Im Gegenteil, lädt doch das Museum auch dazu ein, zur Ruhe zu finden. Zum Beispiel damit, dass man sich nach der Ausstellung auf den eigenen Atem konzentriert, tief Luft holt und beim Ausatmen mit einem Pinsel und blauer Farbe einen senkrechten Strich neben bereits vorhandene zu ziehen. Das Kunstwerk »Breathe With Me« von Jeppe Hein soll sich über den Zeitraum der Ausstellung vom Hof bis ins erste Obergeschoss strecken. So viel Zeit muss sein.

Lorenz Gatt (Foto: © Museumsstiftung)

Bis 6. Februar 2022: Di., 14–20 Uhr; Mi.-Fr., 14–19 Uhr; Sa., So., 10–18 Uhr
www.kunst-und-natur.de

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