Kunsthalle Darmstadt stellt mit »Primavera« die abstrakten Arbeiten von Rosilene Ludovicos vor

Es ist eine Art Naturzustand, an den sich die Brasilianerin Rosilene Luduvico im Rückblick auf ihre Kindheit im Bergland des Bundesstaates Espirito Santo erinnert und der ihr tiefes Wissen um das Paradies fundiert, das sie in ihren Bildern zum Vorschein bringt. Die Welt, wie wir sie kennen, sei erst spät in ihr Leben getreten, nicht einmal Strom, Elektrizität habe sie gekannt. Dass wer das Paradies darstellt, auch die Hölle nicht leugnen kann, versteht sich. Schließlich ist auch die himmlische Landschaft ihrer Kindheit längst untergegangen und von Autobahnen und Lärm überwuchert.
Auch davon weiß die Ausstellung »Primavera« in der Kunsthalle Darmstadt zu erzählen, die als erstes Haus das abstrakte Oeuvre der seit ihrem Eintritt 1997 in die dortige Kunstakademie in Düsseldorf lebenden Südamerikanerin zeigt. Folgt man Kunsthallen-Chef Leon Krempel, der Luduvicos Arbeiten schon seit mehr als 15 Jahren verfolgt und auch bereits ausgestellt hat, dann war der Weg in die ungegenständliche Malerei in ihren auf intensiver Beschäftigung mit der Zeichenkunst der Alten Meister basierenden filigranen Natur- und Landschaftsbildern längst angelegt. Assoziationen wie Landschaft, Atmosphäre, Schöpfung und auch Zerstörung ließen auch diese neuen Werke jederzeit zu.
Zunächst und vor allem aber fühlt man sich herzlich umarmt beim Betreten des Foyers der Schau, umschlungen von dem mächtigen Entrée eines fünf auf dreiundzwanzig Meter großen Wandgemäldes aus leichten lichten warmen Farben an, das die Künstlerin erst kurz vor der Eröffnung fertiggestellt hat und dessen Werden ein einstündiger Mitschnitt auf Youtube.com dokumentiert. Wie ein bunter erquickender Wasserfall leuchten die mit dicken Quasten geschwungen aufgetragenen farbigen Abwärtsbahnen dieses Werks, das denn auch »Un amico delle acque« heißt. Ganz bewusst, betont die Künstlerin, sei sie dabei sehr sparsam mit Wasser gegangen.
Das zweite für die Ausstellung entstandene Werk ist der ‚rundum‘ im Carré des Großen Saals platzierte zwölfteilige Zyklus »Hemerocallis«, (Taglilie) – einer Pflanze gewidmet, der auf Wikipedia halluszinoge Wirkung nachgesagt wird. Wir sehen ein wie willkürlich gestreutes Gewusel und partiales Gewimmel von farbigen Strichen und Tupfern, an dem, wie Luduvico betont, nichts zufällig sei. Man möge sich ein vom Wind aufgewirbeltes zerbröseltes Laub und Insekten, Kleinstlebewesen, einen Rausch vorstellen, regt sie eine Betrachtung an.
Unter den »älteren« bis 2014 zurückreichenden, aber erstmals gezeigten Arbeiten ragt für den Chronisten das von Rottönen dominierte Gemälde »Heat« heraus im Gartensaal Ost der Kunsthalle. Vermutlich, weil es die Motive seines Entstehens nachgerade plastisch spüren lässt. Luduvico hielt ihre Eindrücke vor zwei Jahren bei einem Aufenthalt in Brasilien fest, als sie unter dem Eindruck der sich dort ausbrechenden Pandemie auch noch erleben musste, »wie die Lunge der Welt brennt«, der Amazonas-Dschungel. Es ist ein apokalyptisches Szenario, dem in ihrer Sicht aber das Leben und damit auch das Paradies nicht verloren geht. Abgerundet wird »Primavera« mit einer kleinen Auswahl eines weiteren Genres Ludovico’scher Diktion: Porträts von ihr vertrauten, völlig entspannt ruhenden Menschen in einem Moment, der Abwesenheit und Dasein vereint, einem paradiesischen also.

Lorenz Gatt (Foto: Achim Kukulies)

Bis 27. November: Mi. bis So. 11-17 Uhr
www.kunsthalle-darmstadt.de

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