Nordmänner: »Vaim« – Ein schmaler, aber großer Roman von Jon Fosse

Der Nobelpreisträger von 2023 ist als Dramatiker bekannt geworden. Jetzt hat er wieder einmal einen Roman vorgelegt. Knappe 160 Seiten, aber eigentlich nur einen Satz lang. Ohne Punkt, nur mit Komma, alles fließt. Auch das Ende bleibt offen. (Es sollen ja noch zwei Bände folgen). Erzählt wird von einsam und allein lebenden Einzelgängern im Norden Norwegens. Erzählt wird in einer Sprache, die einen unwiderstehlichen Sog entfaltet. Kurze fragmentarische, abgehackte Sätze, viele Wiederholungen.

Jon Fosse, 1959 in Norwegen geboren, wurde bekannt durch seine auf der ganzen Welt gespielten Theaterstücke. 2023 bekam er für sein Werk den Literaturnobelpreis. Jetzt ist der erste Band »Vaim«, einer geplanten Trilogie erschienen. »Ein Jungspund war ich absolut nicht mehr, aber auch kein alter Knacker, ein älterer Mann, so konnte man wohl sagen.« Jatgeir ist in dem fiktionalen Ort Vaim geboren und da »werde ich hoffentlich auch sterben«. Jatgeir ist in seiner Jugend oft mit seiner »Schnigge«, einem Segelboot, in die Stadt gefahren. Als Stammgast in der Kneipe, hoffte er, »eine kennenzulernen, ja mit der ich mein Leben verbringen könnte«. Es gab dann auch eine Eline, nach der er sein Boot benannt hat, aber er hatte ihr nie erzählt, dass sie seine »große Liebe« war. Eline zog weg aus Vaim, heiratete einen Fischer und verschwand völlig aus seinem Leben. Und Jatgeir hat sich arrangiert. Es ist in dieser Gegend nicht leicht, eine (einzige) Nähnadel und einen Faden zu kaufen, um einen Knopf anzunähen. Für Jatgeir wird der Versuch zum Fiasko. Nur deshalb war er in die Stadt gefahren. Man weist ihn ab. Doch dann wittert eine Ladenbesitzerin die Chance, ihn kräftig übers Ohr zu hauen. Sie verlangt einen unverschämten Preis. Er zögert, doch er zahlt. Er nennt sich selber einen »Tölpel«, »dumm und vertrauensselig«. Es ist überhaupt ein wunderliches Buch, mit märchenhaften, oft mystischen Zügen. Als Jatgeir wieder in seine »Schnigge«, steigen und nach Hause segeln will, steht eine Frau am Kai und ruft: »Es hat viele Jahre gedauert, bis wir uns gefunden haben, sagt sie.« »Ich habe genau dasselbe gespürt und gedacht, aber es laut zu sagen, nein, das ging nicht an.« Tatsächlich steigt Eline mit schon gepacktem Koffer in sein Boot. Ein Leben lang hatte sich Jatgeir nach diesem Moment gesehnt, »aber jetzt ging es wohl nicht mehr darum, was ich wollte oder nicht wollte, jetzt herrschte hier gewissermaßen ein anderer Wille«. Im zweiten Teil kommt Elias, Jatgeirs einziger Freund, ins Spiel. Das heißt: was man in dieser Gegend so unter Freundschaft versteht. Man besuchte sich in großen Abständen. Aber seit »diese Frauensperson eingezogen ist und alles umgekrempelt hat« bedauerte Elias, dass sie sich gar nicht mehr sahen. Doch eines Abends klopft es an seiner Tür, immer wieder, doch bevor er sich entschließen kann zu öffnen, dauert es und er macht sich Mut, »aber jetzt, jetzt mache ich auf, jetzt kein Grübeln und Zaudern mehr, raus in den Gang und auf mit der Tür, geradewegs, sofort, unverzüglich, also, denke ich und mache die Stubentür auf« und dann steht doch niemand da, »nein, das hätte ich nie gedacht«. Am nächsten Tag erfährt Elias, was tatsächlich passiert war. Jasgeir war zuhause neben seinem Boot ertrunken gefunden worden. Im dritten Teil erzählt ein Frank, der eigentlich Olav heißt, seine Geschichte. In einer Kneipe überrumpelt Eline, als sie noch ganz jung Vaim verlassen hatte, diesen Olaf und nennt ihn ab da Frank. Sie fordert ihn zum Tanz auf und sagt, »vielleicht kann aus uns zwei beiden was werden«. Danach hebt sie ihr Glas: »Auf ein langes gemeinsames Leben, sagt sie und ich denke, was um alles in der Welt kann sie damit meinen.« Wie wir schon wissen, verlässt Eline diesen Frank nach vielen Jahren, zieht zu Jatgeir zurück und als der ertrinkt, klopft sie bald danach an Franks Tür. Er selbst wundert sich nur darüber, dass er ihrem Wunsch folgt und tatsächlich zu ihr zieht, also nach Vaim in das Haus, in dem Jatgeir mit Eline gelebt hatte, »aber wenn Eline sich mal was vornahm, dann lief es so, wie sie wollte«.
Doch als Eline vor ihm stirbt, verfasst er ein Testament. Frank legt in seinem Testament fest, dass auf seinem Grabstein nur ein Wort stehen soll: »Olaf«. Nicht mehr die Frauen sollen weiter das Sagen haben.
Vergangenheit und Gegenwart überlappen sich hier ständig. Die drei Männer erzählen in den drei Kapiteln jeweils aus ihrer Perspektive ihre durch dieselbe Frau miteinander verwobene Geschichte. Die Menschen, die Fosse beschreibt, sind zwar viel allein, fühlen sich aber keineswegs einsam. Nähe ist etwas Flüchtiges, man kann sich nicht darauf verlassen. Sie erleben Liebe und Tod, Sehnsucht und Verlust, aber sie ertragen dieses Leben ohne Klagen. Dort, wo sie leben, spricht man wenig und schweigt viel. Es gibt keinen Druck, keinen Stress, das Leben ist verlangsamt, heute würde man sagen, entschleunigt. Fosses Stilmittel sind einfache Sätze, die sich durch die häufigen Wiederholungen einprägen. Fosse erzeugt einen Sog, dem man sich gerne überlässt. Das Leben ist, wie es ist. Es wird unaufgeregt hingenommen. Vermutlich lässt sich diese Geschichte auch als Parabel deuten. Denn diese Nordmänner aus dem hohen Norden Norwegens sind auch unsere Zeitgenossen. Dem Band »Vaim« sollen ja auch noch zwei weitere folgen. Da darf man schon gespannt sein.

Sigrid Lüdke-Haertel / Foto: © Tom A. Kolstad/Det Norske Samlaget
Jon Fosse: »Vaim«, Roman, Rowohlt Verlag, Hamburg, 2025, 160 S., 24 €

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