Das Jahr 1959 markiert den Anfang einer neuen Epoche im europäischen Film. Wie einst die Geschichte des Films beginnt sie in Frankreich, dem Land, das sich bis heute einer besonderen Film- und in Paris auch Kino-Kultur erfreut. Lernten einst die Bilder zu laufen, so löste sich um 1960 die Kamera von den Stativen und verließ die Studios. All das hatte es schon vorher gegeben, doch die Nouvelle Vague spiegelte mit dieser Befreiung von Arbeitsweise und Form auch ein neues Lebensgefühl.
Den US-Amerikaner Richard Linklater haben die damaligen Protagonisten angeregt, sich selbst als Filmregisseur zu versuchen. Mit seiner Fähigkeit, sich in unterschiedliche Charaktere intensiv hineinzuversetzen, hat er bemerkenswerte Filme wie etwa die fiktive Langzeitstudie »Boyhood« geschaffen.
Zudem verbindet ihn mit seinen Vorbildern, dass er durch das Filme-Sehen und nicht durch den Besuch einer Filmhochschule zum Filmemachen gekommen ist. Das hat ihn zu einem idealen »Réalisateur« für eine Liebeserklärung an die Nouvelle-Vague-Akteure gemacht, obwohl er des Französischen nicht mächtig war.
Im Gegensatz zu ihm konnten die Filmbegeisterten damals die Cinémathèque française und die zahlreichen Pariser Kinos, die auch Retrospektiven anboten, zur Erweiterung ihres Filmwissens nutzen. Es befähigte sie dazu, kundige Texte für die Zeitschrift »Cahiers du Cinéma« zu schreiben. Und mit dem Satz »Einen Film zu drehen ist die beste Filmkritik« begründete Jean-Luc Godard, der von Guillaume Marbeck erstaunlich echt in Stimme und Gestik gespielt wird, den Schritt vom Kritiker zum Regisseur. Überhaupt sind alle Akteure sehr gut getroffen (das Casting dürfte eine besondere Herausforderung gewesen sein). Um sie für jedermann kenntlich zu machen, sind ihre Namen beim ersten Auftritt eingeblendet.
Die Dreharbeiten zu »Außer Atem« (À bout de souffle) stehen im Zentrum von Linklaters Film.
Das bot sich an, weil Regisseur Jean-Luc Godard durch zahlreiche, ihn betreffende Anekdoten und vor allem durch seine Filme bald zur Ausnahmefigur geworden war. Die Bedeutung von »Außer Atem« ist in der Filmgeschichte vergleichbar mit der von »Citizen Kane«. Denn wie Orson Welles hat Godard einige Regeln fürs Filmemachen ignoriert oder neu erfunden.
Er war spät dran – der Filmkritiker-Kollege François Truffaut (Adrien Rouyard) hatte sich gerade in Cannes mit seinem Spielfilmerstling »Sie küssten und sie schlugen ihn« (Les quatre cents coups) als Regietalent erwiesen, was Godard besonders unter Druck gesetzt haben dürfte.
Mit seinem Charme, den man kaum glauben mag, wenn man an seine späteren, ziemlich verbohrten Auftritte denkt, gewinnt er schließlich den Produzenten Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst) für sein Exposé, an dem Truffaut und der bereits etablierte Claude Chabrol (Antoine Besson) mitgearbeitet haben.
Die gerade zum Star avancierte Jean Seberg (Zoey Deutch) wird für die weibliche Hauptrolle gewonnen, der Profi-Boxer Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin), ein schauspielerischer Laie, spielt ihren Liebhaber und wird ein Filmstar. Er führt amüsiert Godards Anweisungen aus, während Seberg mit Godards Schlendrian nicht zurechtkommt, hält sie doch nach den Dreharbeiten zu Premingers »Bonjour Tristesse« die strenge Disziplin von Otto dem Schrecklichen für die erfolgreichere Arbeitsweise.
Godard befolgt nämlich den Rat seines großen Vorbilds Roberto Rossellini (Laurent Mothe). Er hört mit der Arbeit auf, wenn ihn die Inspiration verlässt, und schickt sein Team nach Hause. Prompt gibt es Ärger mit dem Produzenten, der befürchtet, sein Geld zu verlieren. Es kommt sogar zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen beiden.
Einen wichtigen Beitrag liefert Raoul Coutard (Matthieu Penchinat), der zuvor als Kameramann im Krieg gefilmt hat und mit Godards Lieblingskamera Camefléx Éclair arbeiten kann. Sie ist sehr handlich, aber laut und schließt deshalb den Direktton aus, eignet sich aber ideal zum Improvisieren. Gewissermaßen als eine Hauptdarstellerin erscheint die ratternde, für damalige Verhältnisse kleine Kamera immer wieder im Bild.
Nach den ungewöhnlichen Dreharbeiten wird allgemein bezweifelt, ob »Außer Atem« überhaupt in die Kinos kommen wird. Doch der Filmschnitt ist noch spektakulärer. Weil eine Filmlänge von 90 Minuten vereinbart ist, lässt Godard Teile aus Szenen herausschneiden und das Bild springen, mit der Begründung, die Zuschauer hätten ja auch die Méliès-Stummfilme verstanden.
Filme übers Filmemachen werden oft gemieden, weil sie den Zauber, den wir im Kino erwarten, zerstören könnten. Linklaters »Nouvelle Vague« gesellt sich dagegen zu Werken wie Truffauts »Die amerikanische Nacht« (La nuit américaine), die den Dreharbeiten einen poetischen Ton verleihen. Das macht den Film für ein jüngeres Publikum sehenswert, während die Älteren, die das Glück hatten, mit der Nouvelle Vague aufzuwachsen, sich an jene optimistischen Aufbruchszeiten mit Wehmut erinnern können.
