Historische Transgender-Spiele im deutschen Kino waren bislang eine Sache der Komödien (zu schweigen vom Klamottigen, an dem es nie mangelte). Lilo Pulver war einst eine Spezialistin für Hosenrollen im Kostümfilm und machte ihre Sache so schlecht nicht. Aber nun ist wohl Zeit, sich des Themas ernsthaft, authentisch und genauer anzunehmen. Was dabei heraus kam, ist ein Glücksfall für den deutschen Film. »Rose« von Markus Schleinzer wird die Besucher von Arthouse-Filmen begeistern, ist aber zugleich attraktiv und zugänglich genug, um auch ein Mainstream-Publikum zu erreichen.
Die größte Attraktion ist natürlich die Performance von Sandra Hüller, die einmal mehr eine Person so voller zurückgehaltener innerer Spannung gibt, dass man auf eine Entladung nur warten kann. Aber glücklicherweise ist »Rose« nicht nur eine schauspielerische Großtat, sondern ein in allen Belangen kompetentes, mit Sorgfalt und Detailgenauigkeit geschaffenes Werk, wie man es selten findet. Sogar die Kirchenlieder, das Arbeitsgerät und die Kleidungsstücke halten einer historischen Überprüfung stand.
Es ist der dreißigjährige Krieg, vielleicht kann gerade mit seinem Ende so um das Jahr 1648 gerechnet werden. Verwüstetes, brennendes Land; die Gebeine der Toten; brachliegende Äcker und zerstörte Häuser. »Es geschah also in jenen Tagen« hebt die Erzählerin an, und ein Insert erklärt, was es nun zu sehen geben wird: »Die wahrhaftige Beschreibung einer Land- und Leutebetrügerin, die, obwohl als Weibs-Person geboren dem zum Trotz unter falschem Namen als Manns-Bild sich betragen, und viel üble Schandtat hat betrieben«. So könnte ein Schelmenstück vom Ende einer finsteren Zeit beginnen, ein »Simplicissimus«-Pendant. Wäre da nicht das scharfe Schwarz-Weiß der wohlkomponierten Bilder, wäre da nicht Sandra Hüllers – Roses – wahrhaft vom Krieg gezeichnetes Gesicht, wären da nicht die abweisenden Gesten einer Dorfgemeinschaft gegenüber einem Fremden.
Dieser Fremde, ein ehemaliger Soldat, behauptet, Erbe eines lang verwaisten Hofes zu sein und kann auch die entsprechenden Dokumente vorlegen. Auch überzeugt er durch sein Wissen über den Besitz. So also muss man ihm das Haus und das Land überlassen, das er bald durch Fleiß und Können mithilfe weniger Knechte und Mägde wieder zu Ertrag bringt. In Gefahr und höchster Not bewährt der nun nicht mehr ganz und gar Fremde sich auch als Bärentöter. Respekt genießt er jetzt wohl, und bleibt doch außen vor in der Gemeinde. Um seine Wirtschaft zu verbessern, verlangt es den neuen Bauern nach einem Bachlauf an seinen Grenzen, das ihm der Nachbar aber nicht verkaufen will. Stattdessen macht er ein Angebot: Die Hochzeit mit einer seiner Töchter, Suzanna. Der Fremde geht auf diesen Handel ein. Und begibt sich damit in eine Falle, aus der kein Herauskommen mehr ist.
Auch nicht, nachdem sich die beiden Frauen wechselseitig ihre Geheimnisse offenbart und zu einer Solidargemeinschaft gefunden haben und gar hoffen dürfen, durch die Geburt eines Kindes alle Zweifel zu zerstreuen. Es genügen eine unglückliche Krankheit, eine panische junge Magd und die aufgebrachte Meute der Landarbeiter, um die Camouflage aufzudecken. Rose und Suzanna wird der Prozess gemacht; sie sind des Todes.
In einer geschickten Volte am Ende sehen wir eine Art theatralische Generalprobe für Roses Hinrichtung, Gelegenheit für eine Apotheose, die sehr direkt an Carl Theodor Dreyers »Jeanne d’Arc« erinnert, eine andere Geschichte von tödlichem Geschlechterspiel. Und da hat der Film längst seinen Ton gewechselt, von der abenteuerlichen Ballade mit den vielen Sinnsprüchen und blumigen Umschreibungen, wie sie die Off-Erzählerin wiedergibt, zu einem fundamentalen Opfer-Drama. »Leerer als leer kann ein Fass nicht sein, aber zum Überlaufen bringt man es leicht«. So beschreibt die Erzählerin (Marisa Growaldt) den Punkt, an dem sich Roses Schicksal wenden muss, und sich die innere Spannung zwischen Anmaßung und Verzweiflung in einem vergeblichen Zorn-Ausbruch entlädt.
Nicht nur weil sich Rose Papiere, Identität und schließlich Besitz eines gefallenen Kameraden angeeignet hat, sondern weil sie als Frauen die »heilige« Geschlechterordnung gestört haben, werden Rose und Suzanna verfolgt und schließlich getötet. Übrigens darf man auch die Darstellerin Caro Braun dafür loben, wie sie die Wandlung einer gefährdeten über eine gerettete bis zu einer selbstbewussten Frau modelliert, die dann, unversöhnt, sterben muss, während es Rose selbst immerhin noch gelingt, ihre eigene Geschichte niederzuschreiben. Einen gnädigen Tod findet auch sie nicht.
»Rose« erzählt nicht nur die Geschichte einer abenteuerlichen Frau in Männerkleidern, die Schleinzer und sein Co-Autor Alexander Brom aus diversen historischen Vorbildern zusammen gesetzt haben, es ist vor allem die Haltung des Films, zwischen Distanz und Empathie, die sich nirgendwo ins Melodramatische oder, bei aller Authentizität, ins Historische flüchtet. Der Film nimmt seine Haupt- und Nebenfiguren ernst. (Wenn man schon etwas bemäkeln wollte, dann wäre es vielleicht der Mangel an einer auch nur interessanten Männer-Figur: die Männer in »Rose« scheinen eher Repräsentanten als Subjekte der Macht. Aber vielleicht wäre es anders auch schon wieder zu viel des Guten.) Die Bildgestaltung (von Gerald Kerkletz, der schon die Kamera in Schleinzers ersten beiden Spielfilmen führte) ist ein faszinierend realistisches Gegengewicht gegen die ironisch-poetische Erzählweise der Off-Narration, schafft dabei aber gleichwohl auch einen kleinen Streifzug durch die Kunstgeschichte, vom »Flugblatt« des Krieges über Vermeer bis zum Expressionismus. Und dann gibt es immer wieder die John Ford-Einstellungen aus dem Dunkel des Innen heraus, was gelegentlich auch an einen von den Western erinnert, in denen die Suche der Menschen nach einer neuen Heimat gründlich schief gegangen ist. Denn jenseits des Genderplays und jenseits der Anklage der bigott patriarchalen Gesellschaft ist »Rose« auch die Geschichte eines Menschen, der nicht nur die Freiheit suchte (die, wie er in der Gerichtsverhandlung erklärt, nur in der Männerhose zu haben war), sondern auch einen Platz zum Leben. Eine Heimat.
»Rose« ist einer jener Filme, die man gern ein zweites, ja ein drittes Mal ansieht. Weil man sich auf einmal gar nicht daran sattsehen kann.
