Schonungslose Liebe – »Viel Lärm um Nichts« am Schauspiel Frankfurt

Shakespeares Welt ist ein Schlachthaus, auch in der Liebe kennt sie keine Schonung. Bloß keine romantischen Illusionen: Liebe ist ein Konstrukt, sie beruht auf einer Projektion: Es bedarf nicht mehr als eines Anstoßes, und die gerade noch verherrlichte und für heilig betrachtete Geliebte verwandelt sich in eine nicht mehr als der Verabscheuung werte Hure. Das ist die aus einer Intrige erwachsene Lektion, die der Figur der Hero in der um 1600 uraufgeführten Komödie »Viel Lärm um nichts« widerfährt. Die Hochzeit mit Claudio gerät zum Tribunal, der eigene Vater will den Tod der vermeintlichen Sünderin.
Entgegen der Vorlage beginnt die Inszenierung von Tina Lanik mit einer Szene allein unter Frauen. Ein Tableau vivant in rosa/blauen Tönen samt Schachbrettmusterboden und Pinienbäumen im Hintergrund. Ein vom Ausstatter Stefan Hageneier im Biedermeierstil kostümierter Chor gruppiert sich um einen modernen Küchenblock. Soapmunter plaudern sie, in Erwartung der siegreichen Kriegsheimkehrer, über amouröse Perspektiven. Über gymnastischen Übungen und Federballspiel – andere haben Weingläser in der Hand, münden wird das Ganze in eine Yogastunde – wartet die Beatrice von Annie Nowak mit handfesten Autonomiebekundungen auf, in der mit einer unerzwungen gegenwärtigen Sprache, das in der Romantik geprägte Shakespearebild weit hinter sich lassenden Übertragung von Marius von Mayenburg.
Die Uniformen der mit schampussprühender Selbstfeier hereinplatzenden Kerls um den Prinzen Don Pedro erinnern eher an Zirkus und Karneval als an Tapferkeit und Heldentum. Allemal eine Demontage. Vorerst allerdings sind es die Männer, die die Strippen ziehen im Intrigenspiel; die Frau wird zu einer Art von Handelsobjekt reduziert. Die Hero von Nina Wolf begegnet der öffentlichen Schmähung durch Miguel Klein Medinas Claudio mit einem Schweigen. Bei diesem Schweigen jedoch bleibt es nicht: An die Stelle des Happy Ends mit Doppelhochzeit hat Lanik eine einen Einspruch gegen männliche Dominanz und Gewalt erhebende Rede Heros – nach einem eigens verfassten Text der jungen österreichischen Dramatikerin Lisa Wentz – gesetzt. Vorbei ist es mit dem Schweigen.
Mögen auch Seitenstränge gekappt sein in den handlichen zwei Stunden, im Grunde inszeniert Tina Lanik hart am Stück entlang. Elisabethanische Kostüme mischen sich mit Sportswear, auf dem Maskenball wird zu hippem Technohouse-Musik – Cornelius Borgolte – getanzt, doch im Kern handelt es sich um ein recht klassisch-handwerkliches Schauspielertheater. Für intimere Szenen wird der Bildrahmen einen flachen Korridor stiftend herabgesenkt. Auch in diesem verengten Raum geht es nicht um eine Psychologisierung, sondern das Ausstellen von Verbindungen und gesellschaftlichen Zusammenhängen.
Das ist nicht die krachige, lacherfeste Inszenierung, die Komik bleibt im Ganzen eher zurückhaltend. Wenn wir bei der Komik sind: Slapstick taugt, wenn er virtuos-turbulent ist, oder eigenwillig anders, etwa nach Marthaler-Fasson, als existenziell verlangsamtes Bild eines Scheiterns in der Endlosschleife. Was hingegen Arash Nayebbandi als Benedikt mit Irokesenschnitt in einer Liegestuhlszene vollführt, ist zum Weglassen stümperhaft lau und albern.
Der feministische Ansatz ist allemal recht am Platze, immer, und gerade in dieser Zeit. Doch da ist viel der widerstandslos abnickbaren Eindeutigkeit – und so schrammt Tina Lanik an einem tatsächlich großen Theaterabend vorbei.

Stefan Michalzik / Foto: © Jessica Schäfer
Termine: 14., 17., 26. September, 19.30 Uhr
www.schauspielfrankfurt.de

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