Rom, Ende Oktober 1897, ist der Beginn der Reinschrift und Urschrift der »Buddenbrooks« datiert. Da war Thomas Mann 22 Jahre jung und lebte mit seinem Bruder Heinrich in Palestrina bei Rom. Der Vater hatte die Lübecker Handelsfirma aufgelöst und so standen jedem der Brüder 180 Goldmark monatlich aus dem Vermögen zur Verfügung. Thomas gab seine Stellung in einem Feuerversicherungsgeschäft auf und zog zu seinem Bruder nach Italien. Sein Verleger Samuel Fischer hatte bereits einige Novellen von ihm veröffentlicht und forderte nun einen Roman. 1901 ging das Werk »Buddenbrooks – Verfall einer Familie« in den Druck, 1929 bekam Thomas Mann dafür den Nobelpreis für Literatur.
Der Inhalt dürfte bekannt sein, und auch das Abgleiten in den Verfall. Die kapitalistischen Grundfesten, der Ruhm, das Ansehen und die Ehre, die aus Vermögen und Erfolg der Familie erwachsen, verschwistern sich zu Hemmnissen auf dem Weg ins persönliche Glück, ja sie verhindern es. Genau diese Mechanismen hatte Thomas Mann – auch in seiner eigenen Familie – akribisch recherchiert, hat Tugenden wie Rechtschaffenheit, Zielstrebigkeit, Umsicht, Konkurrenzfähigkeit und Fleiß als Glück apostrophiert – was es keinesfalls ist. »Was ist das Leben, wofür leben wir«, lässt die Regisseurin Johanna Wehner ihre auf der Vorderbühne versammelte Schauspielerriege dann auch gleichsam als Prolog ins Publikum fragen, um nun den Roman als Antwort darauf zu präsentieren.
Dafür hat sie das Besteck ausgepackt. In ihrer 100-Seiten-Version des 800-Seiten Romans erzeugt sie eine Reduktion auf das Substanzielle, das sie sogleich in formelhafte Dogmen gießt: Die Familie, die Firma, die Schokolade, die Glieder einer Kette, Glücklich sein und eben auch das »Ach …« Dabei geht die ironische Luftigkeit des Romans keineswegs verloren, im Gegenteil: ihre Version streicht das Komödiantische der Mann‘schen Figurenzeichnungen geradezu heraus, nimmt die Schwere des Untergangs von dieser ehrbaren Lübecker Kaufmannsdynastie. Trotzdem. So einfach ist es dann doch nicht. Auch wenn der fabelhafte Christoph Bornmüller in einer einzigen Skizze die drei Geschwister Tony, Christian und Thomas gleichzeitig zusammenbringt und damit ein kleines Meisterstück abliefert, sind es doch genau diese Szenen, die viel zu sparsam gesetzt sind, wie Sahnetupfen auf einer zu hart gebackenen Torte. Denn Johanna Wehner hat sich für eine erzählerische Ausbreitung entschieden, Seite für Seite, gegen eine szenische Verdichtung, Akzentuierung. So dass man schlussendlich nicht weiß, was ihr wirklich wichtig ist zu zeigen.
Wie schon in »Hiob«, den sie in Frankfurt inszenierte, lässt sie die Rollenzuweisungen zunächst offen. Der Text schwebt zwischen den Figuren, was tatsächlich gut passt zu einer Interpretation, dass in dieser Familie Persönliches nicht zählt, sondern sich alle wie die eingangs zitierten »Glieder einer Kette« einfügen müssen. Doch allmählich gewinnen die Schauspieler*innen Kontur: Christoph Pütthoff ist Thomas, Tanja Merlin Graf die Tony, Christoph Bornmüller spielt den Christian, Stefan Graf den Grünlich, Matthias Redlhammer sämtliche Senioren so wie Heidi Ecks sämtliche Gattinnen der Senioren. Anna Kubin schillert weiter zwischen den Rollen, Johanna Link wurden Morten und Hanno anvertraut. Als Antagonisten des Glücks bringen sich Krankheit und Tod in Position. Die Individualisierung, Liebe und künstlerische Begabung, das wird schnell klar, bringen diesem strengen Familienkonzept nur Unglück und Schaden, die es zu bannen, zu vermeiden gilt.
Doch es gäbe so viel, was man in den Buddenbrooks nicht nur frontal ins Publikum erzählen, sondern aus- und erspielen könnte, um den Roman, die Dramatisierung mit unserer heutigen Zeit zu verbinden, ja um überhaupt die Dringlichkeit zu betonen, warum dieser Text jetzt auf die Bühne gehöre. Beispielsweise den Freiheitsmonolog von Morten in seiner Begegnung mit Tony, der ihr die Brüchigkeit ihres eigenen Gesellschaftssystems vor Augen führt. Johanna Link als Morten allerdings steht stocksteif auf der Bühne und brüllt die Sätze frontal ins Publikum. Perdu, die Chance.
Es wird viel an Erzähltext ins Publikum geschrien, viel zu viel. Irgendwann wird es einfach langweilig. Man verliert das Interesse an den Figuren, denen ihre Vielschichtigkeit, die Fragen, die sie doch an das Leben stellen, auf diese Weise genommen wird. Obwohl Christoph Pütthoff so betulich wie großspurig buchhalterisch seinen Thomas anlegt und jedem klar macht, dass er die Rolle als Familienvorstand nicht ausfüllen kann wie seine Vorgänger. Christoph Bornmüller gibt seinem Christian eine ganz wunderbare Deutung mit: wie er sich an diesen Dogmen verschluckt, sich an den in Stein gemeißelten Sätzen erbricht, das zeigt deutlich, auf welch fragilen Stützen dieses Familienkonstrukt eigentlich ruht. Doch diese Szenen gehen unter, verlieren sich in einem Regiekonzept, das eigentlich nur nacherzählen will.
Und dabei ist das Bühnenbild von Daniel Wollenzin gleichzeitig so reduziert wie poetisch. Mobile weiße Wände mit Fenster- und Türöffnungen schweben aus dem Schürboden herab, geben der Familie Sicherheit, sind aber auch als Labyrinth zu verstehen, in dem sie auf der Suche nach sich selbst herumirren. Immer wenn ein Unglücksfall eintritt, heben sie sich sanft in die Höhe, dienen auch als Hintergrund einer der schönsten Szenen: wie sich die Frauen gelangweilt aus den Fenstern beugen, abwartend, auf das Leben hoffend. Im letzten Teil erhebt sich das Gerüst aus dem Untergrund wie aus einem Meer. Noch mehr Gestänge, noch mehr Labyrinthisches, in dem man sich verhaken, verlieren, verlaufen kann. Gleichzeitig taucht die kleine Meerjungfrau kopfüber auf. Das ist als Bild einfach wunderschön, wie auch der Einsatz der von Vera Mohrs komponierten Musik.
Doch, ach, wie schade, dass sich Johanna Wehner nicht vom Erzählen befreit und aus dem literarischen Kokon ein Rezept destilliert, aber keinen Schmetterling gemacht hat.
Ach, – Zur Inszenierung der »Buddenbrooks« im Schauspiel Frankfurt