Der Kollege vom Wiesbadener Kurier hat seine Rezension über Milena Mönchs Inszenierung von Anton Tschechows »Die Möwe« in Mainz recht doppeldeutig überschrieben: »Glücklich ist hier niemand« – das könnte nicht nur die Figuren dieses Klassikers meinen. Schauen wir mal, vielleicht hat er es gar nicht so gemeint.
Fangen wir mit Jonas Vogts Bühne an: in ein silbergrau gewandetes Carré gepfercht, offeriert sie uns ganz gegen den russischen Strich gebürstet, statt anheimelnder Birken, Gurkengläser und Samowar das wetterfest leuchtende Industrieweiß einer modularen Outdoor-Lounge, samt einem den See ersetzenden Pool. Will sagen: Tschechows Personal ist in der Moderne angekommen. Auf Pjotr Sorins (Johannes Schmidt) Landgut wird denn auch im Bademantel mit Bierflasche, E-Qualm und Popmusik gefeiert, was zu feiern ist – selbst wenn es dafür keine Gründe gibt.
Nur einem ist nie zu Feiern zumute: dem Jungdramatiker Konstantin Treplew (Carl Grübel), mit dessen Wutschrei die Regisseurin ihre bereits vierte Arbeit für das Mainzer Staatstheater eröffnet. Sein existenzialistisches Stück im Stück (»Verschwunden alles: Menschen, Löwen, Adler, Rebhühner …«) erspart uns Milena Mönch – wie später auch das grandiose Bravo für den großen Lanza –, nicht aber sein erstes Scheitern: Zutiefst gekränkt von den abfälligen Kommentaren seiner Mutter, der großen Schauspielerin Irina Arkadina (Lisa Mies), bricht er seine Aufführung ab. »Schluss! Aus. Das Stück ist vorbei«, schreit er in das von der kleinen Sommergesellschaft in der ersten Reihe erweiterte Publikum.
Der ambitionierte Avantgardist fordert radikal neue Formen für die Bühne, die uneingestanden alternde Diva aber versteht ihn nicht und empfindet sein Aufbegehren – nicht eben unbegründet – als persönlichen Angriff. Auch wenn Mönch uns über Kostjas früh verstorbenen Vater nichts wissen lässt: Das, was er bei der Mutter sucht, geht weit über kunst- und kulturtheoretische Positionen hinaus.
Anerkennung und Liebe suchen alle Figuren des auf sieben Köpfe reduzierten Möwen-Personals auf je eigene Weise – und gleichermaßen vergeblich; lassen sich Tschechows Menschen doch sämtlich als Fallbeispiele für Paul Watzlawicks »Anleitung zum Unglücklichsein« betrachten. Da wäre zuvorderst Kostja, der nicht nur mit der Mutter und deren deutlich jüngerem Geliebten, dem angesagten Schriftsteller Boris Trigorin (Daniel Mutlu), zetert, sondern auf einen Schlag auch seine Nina (Carlotta Hein) verliert, die wie die bewunderte Arkadina Schauspielerin werden will und sich prompt in deren Lover verliebt. Begehrt wird Kostja seinerseits von der Gutsverwaltertochter Mascha (Leandra Enders), die ihren Lebensfrust mit Alkohol bekämpft und vom selbstmitleidigen Lehrer Medwedenko (Denis Larisch) permanent Heiratsanträge erhält. Ein Liebesreigen unerfüllter Sehnsüchte, der drei Akte lang im Kreis läuft – bis der umschwärmte Dichter von seiner mächtigen Geliebten fordert, ihm quasi aus künstlerischen Gründen eine Affäre mit Nina zuzugestehen. Mit einem Machtwort beendet die Arkadina den Sommerspuk und kehrt mit dem kuschenden Poeten zurück in die Stadt, während Mascha, sich dem Schicksal fügend, den Lehrer heiratet und Nina nach Moskau aufbricht, um Karriere zu machen.
Zwei Jahre und eine Pause später trifft man sich mit weiter offenen Wunden wieder im vierten Akt auf Sorins Landsitz: Kostja ist ein wenig bekannter, die Arkadina noch ein wenig älter, Mascha noch durstiger geworden. Nur Nina scheint jetzt eine andere, geläuterte zu sein: Sie ließ sich in Moskau tatsächlich mit Trigorin ein, empfing ein Kind, das bald starb, und tingelt seither auf Provinzbühnen durchs Land. In neongrünen Leggings träumt Nina noch immer davon, eine ganz Große zu werden, und hält, zu Kostjas Entsetzen, unbeirrt an ihrer Liebe zum Moskauer Dichter fest – bis ein Schuss fällt und Kostjas Körper hinter dem Gazevorhang niedersinkt, womit der Abend abrupt endet.
Tatsächlich stehen Nina und Kostja, die im richtigen Leben, wie von Ödön von Horváth erdacht, auf Carlotta und Carl hören – im Zentrum dieses mit Pause in gerade einmal zweieinviertel Stunden dauernden Abends. In einer zum Niederknien spürbaren Jugendlichkeit berührt ihr feinfühliges Spiel umso mehr, als der Autor sie – nachgerade gemein – weit entfernt von den ersehnten Gipfeln der Kunst in den Ebenen untergehen lässt. In den großen Dialogen der beiden mit Irina Arkadina, mit Trigorin und vor allem miteinander kommt denn auch endlich der Tschechow-Sound zur Geltung. Überzeugend verkörpert auch Daniel Mutlu die Figur des schnöseligen Egomanen, während Lisa Mies die kaum minder selbstische Arkadina als eine von Altersängsten beherrschte Frau anlegt. Laut, herrisch, durchaus auch sinnlich und grob, schminkt sie ihrer Diva freilich jegliche Grandezza ab. Leandra Endres Mascha ist arg burschikos geraten und raucht mit Arkadina um die Wette. Johannes Schmidts Sorin, der durch die Übernahme weggelassener Rollen zum Dauerkommentator wird, meistert seine Aufgabe bravourös und Denis Larisch setzt gelungen die Fußabtreter-Mentalität seines submissiven Lehrers in Szene. Eine lohnende Inszenierung, die anregt, beeindruckt, dank Carl und Carlotta auch mal begeistert, für die man sich jedoch etwas weniger Leichtigkeit wünschte – denn so richtig glücklich mit diesen Unglücklichen wird man nicht.
Staatstheater Mainz zeigt »Die Möwe« von Anton Tschechow