»Liebe mich!«, fordert die Königin. Immer wieder. Doch sie gibt keinen Grund dazu. Die Menschen sollen ihr folgen und gehorchen. Individualismus ist nicht vorgesehen. Wer sich hinauswagt aus der wogenden Masse, wird bald wieder mitgerissen.
Marcos Moraus »Nachtträume« sind ein düsteres Stück über Macht und Manipulation. Der spanische Choreograf hat es ursprünglich für das Ballett Zürich kreiert, von dem es 2022 uraufgeführt wurde. Jetzt hat es das Hessische Staatsballett einstudiert und zeigt es, nach ersten Aufführungen in Darmstadt, ab November in Wiesbaden.
Inspiriert wurde das Werk von dem legendären Antikriegsballett »Der grüne Tisch« von Kurt Jooss aus dem Jahr 1932. Auch hier steht solch ein Möbelstück die Hälfte der 95 pausenlosen Minuten über im Mittelpunkt, eine riesige, runde Variante, die Max Glaenzel wie zu einer Konferenz im Zentrum seines Bühnenaufbaus positioniert hat. Auf dieser, darunter und drumherum wabern geschlechtslose Gestalten. Sie tragen weiße Hemden und knielange Hosen, ihre dunklen, kurzen Haare glänzen pomadisiert. Darüber hängt ein überdimensionierter Kronleuchter mit großen, weißen Kugeln, die irgendwann abgenommen werden, um den dann kopflosen Wesen als Ersatz für ihr verloren gegangenes Haupt zu dienen. Zur Erleuchtung führt das nicht. Später sitzen bei wenigen dieser seltsamen Erscheinungen, die ob ihrer Wackligkeit auch witzig wirken, Kameras, als Symbol für den Überwachungsstaat.
Wuchtige Bilder entstehen in einer Szenerie, in der es nie wirklich hell und transparent wird. Die Körper der 28 Tänzer*innen verwringen und verkeilen sich miteinander, verschmelzen zu einer Einheit, in der sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Sie bewegen sich ruckelig und eckig. Dann wieder gleiten sie auf den glatten Sohlen ihrer schwarzen Lackschuhe wie schwerelos durch den Raum. Einzelne erklimmen die Platte, um sich dort zu duellieren. Anfangs klammern sie sich an das Holz und aneinander, später jonglieren sie mit Stühlen und entfernen sich immer weiter von all dem, was ihnen Halt gibt. Doch sie agieren in vielen Szenen weiter als Formation, etwa gemeinsam marschierend wie Kinder in einer politischen Jugendorganisation.
Die Königin bildet als mal dominierende, mal begleitende Solistin einen Kontrapunkt dazu. Schauspieler Christian Klischat hat bei der Premiere ihre Rolle ausgefüllt, in schwarzem Glitzerkleid und mit aufgeklebter Krone. Eine unheimliche, schräge Figur, die auch dann noch an ihrer Regentschaft festhalten will, als das Volk resignierend und sich nur noch singend aufbäumend im Boden versinkt. Clara Aguilars Musikcollage aus Stücken von Franz Schubert, Sergej Rachmaninow oder Friedrich Hollaender treibt durch diesen surrealen Rausch mit all seinen bizarren Bewegungen. Beeindruckende Präzision und akkurate Synchronität spiegeln die ständige Kontrolle wider. Kein schöner, sondern ein Albtraum, der schrecklich fasziniert und von der gleichen Unbestimmtheit geprägt ist wie die meisten Illusionen, die im Schlaf vorbeigleiten und dennoch tiefen Eindruck hinterlassen.
»Nachtträume« am Staatstheater Wiesbaden