Guy Burgess und Anthony Blunt zählten zu den »Cambridge Five«. Unter dieser Bezeichnung firmierte eine Gruppe von Briten, die schon zu ihren Studienzeiten in den 1930er-Jahren als Spione für die Sowjetunion rekrutiert worden waren. Der Dramatiker Alan Bennett hat über das Duo 1988 zwei kürzere Theaterstücke geschrieben, die er unter dem Titel »Single Spies« zusammengefasst hat. Das English Theatre Frankfurt startet mit diesem Doppelabend unter der Regie von Rosie Tricks in die Saison. Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist ein eher anstrengendes Projekt für das Publikum, nicht nur, weil hierzulande die Geschichte der Agenten aus der Elite der Gesellschaft weniger bekannt sein dürfte als auf der Insel und es eine Weile braucht, bis man sich eingefunden hat in die Handlung. Die Vorstellung ist auch sehr textlastig, und statt Action erwartet die Zuschauer besonders im zweiten Teil »A Question of Attribution« Hintergründiges und Doppeldeutiges.
Bennett stellt seine beiden männlichen Protagonisten zu einem Zeitpunkt vor, an dem sie bereits enttarnt wurden. Bei Blunt allerdings wurde das noch nicht offiziell gemacht, auch um die Queen zu schützen, denn der renommierte Experte verwaltet die Gemäldegalerie im Buckingham Palace. Der Dialog zwischen ihm (Christopher Naylor) und der Königin (Augustina Seymour) dreht sich um Kunst; aber anhand eines Mehrfachporträts im Stile Tizians, von dem nicht wirklich klar ist, aus wessen Hand es stammt und wen der dritte Mann darauf darstellt, entfaltet sich ein Diskurs über Identitäten, über Wahrheit und Fälschungen. Es bleibt ein Rätsel, ob Ihre Majestät Bescheid weiß über den Verrat ihres Gegenübers, aber sein Doppelleben spiegelt sich in vielem, was gesagt wird, wider.
Präsentiert sich Blunt noch weiter im Glanz seiner hochherrschaftlichen Umgebung und mit Orden auf der Brust, verbringt sein früherer Kommilitone Burgess (Theo Fraser Steele) seine letzten Lebensjahre in melancholischer Stimmung im Exil. Ihm war gerade noch rechtzeitig die Flucht in das Land gelungen, für das er sein eigenes ausgekundschaftet hatte; seine Motivation dafür erscheint umso fragwürdiger, da er seine Heimat und das, was sie ausmacht, ganz offensichtlich liebt und sich schmerzlich nach ihr zurücksehnt. Die Schauspielerin Coral Browne (ebenfalls Augustina Seymour), die sich gerade auf einem Gastspiel in Moskau befindet, hat er in »An Englishman Abroad« in seine schlampige Wohnung (Ausstattung: Peiyao Wang) geladen und bittet sie darum, Maß zu nehmen an ihm, damit sein englischer Schneider ihm neue Anzüge anfertigen kann. Die kühle Australierin ist zu höflich, um das abzulehnen, und zwischen ihr und der im Inneren sehr vereinsamten Seele entspinnt sich eine schräge Konversation. Skurriles wie das Verspeisen einzelner Tomaten zum Abendessen, bei ihr mit Messer und Gabel, bei ihm in Begleitung von viel Knoblauch, ergänzen die Begegnung. Irgendwann stößt Burgess’ vor Energie sprühender Lebensgefährte Tolya (Angus Roughley) dazu, und die beiden Männer stimmen an Piano und Balalaika ein Duett an.
Tricks hatte früher in diesem Jahr, gemeinsam mit ihrem erfahrenen Kollegen Tom Littler, schon bei »Churchill in Moscow« an gleicher Stelle die Spielleitung innegehabt. Die neue Premiere wirkt ein bisschen wie eine Fortsetzung. Trotz Kürzungen allerdings ziehen sich die Begegnungen mit historischem Bezug diesmal spürbar in die Länge.
Was wusste die Queen? – »Single Spies« im English Theatre