Triumpf der Amoralität – »Die Krönung der Poppea« am Staatstheater Darmstadt

Einzig dastehend im Kanon, feiert Monteverdis während der Karnevalssaison 1642/1643 in Venedig uraufgeführtes Spätwerk »L’incoronazione di Poppea« – Die Krönunxg der Poppea – den Triumph der Amoralität. Machiavellistische Niedertracht, Ehebruch und Bluttat führen nicht zum Fall, die kathartische Läuterung bleibt aus; einem strahlenden Glück des ruchlosen Paares Poppea und Nero scheint am Ende nichts entgegenzustehen.
Zur Feierstätte des Eros hat Regisseur und Intendant Karsten Wiegand am Darmstädter Staatstheater als sein eigener Raumschöpfer einen goldbarock gefassten Matratzenstapel in die Mitte des Orchestergrabens gesetzt. Die Wahl eines Mittelwegs in der Ausstattung samt den Kostümen von Alfred Mayerhofer ist bezeichnend für diese Aufführung: Zwanglos mischt sich Historisches mit Modernität, ohne sich zu beißen. Im gegenwärtigen Diskurs stehen die Gedenkstatuen historisch fragwürdiger Kolonialisten zur Disposition – hier tanzt am Ende das glückliche Paar von zweifelhaftem Recht auf einem hinten aufgerissenen Monumentaldenkmalschädel von Nero, per Videoprojektion zugleich dekoriert zur Erdenkugel im Weltall.
Die lyrischen Töne kommen nicht zu kurz im buffahaften, von Machtgier und Libido getriebenen Intrigengemenge. Angelehnt an die Uraufführungszeit kommt dem Gros der Sänger:innen mehr als eine Rolle zu, samt Genderfluidität. Der Nero des Countertenors Benjamin Lyko etwa erscheint als narzisstisch-dionysischer Möchtegernpoet und Tyrann mit nacktem Oberkörper und goldenem Lorbeerkranz – fast wie einem Bilderbuch entlehnt. In einem merkwürdigen Kontrast dazu läuft die Poppea der Sopranistin Ofeliya Pogosyan dem Megärenschema zuwider: warm und weich im Ausdruck, verlegt sie viel ins Äußerliche des Mienenspiels – ein heikler Grat. Megan Marie Hart tariert die Ottavia klug aus und treibt zugleich die Drusilla in eine moderat schrille Komik. In der fokussierten Schlichtheit der Darstellung zu den Glanzmomenten zu rechnen ist die auf den Selbsttod zugehende Gartenszene Senecas mit Johannes Seokhoon Moon. Komödie ist auch enthalten: lustig ausgespielt etwa die Travestie des Tenors Matthew Pena als Amme Arnalta. Mit beeindruckendem Furor verleiht Karola Sophia Schmid dem Pagen Valletto eine pointierte Fasson – eine Leistung, die einen »Opern-Oscar« für die beste Nebenrolle rechtfertigen würde.
Unter dem Dirigat von Clemens Flick wird beredt und forciert musiziert. Bei aller Akzentuierung werden die Affekte nicht plakativ »herausgeknallt«. Das auf Barockmaße reduzierte Orchester integriert historische Instrumente wie Theorbe und Viola da Gamba. Wie im Barock üblich, lässt der Notentext die Instrumentation offen; das Continuo wurde seinerzeit nach jedermann bekannten Regeln improvisiert. Erheblich und triftig eingestrichen präsentiert sich die Darmstädter Spielfassung: Die Schlussszene entfällt, es bleibt das finale Duett um Poppea und Nero.
Frappierende Fallhöhen zwischen Tragik und Komik prägen die Inszenierung – etwa wenn Seneca im Garten Amor mit dem Wasserschlauch vertreibt, bevor er sich in der Badewanne die Pulsadern öffnet. Mit expliziten Zeichensetzungen einer »Aktualisierung« hält sich Wiegand zurück; der Name »Trump« fällt lediglich einmal beiläufig im Programmheft. Letztlich erzählt die Regie penibel genau am Stück entlang. Das ist kein Theater, das abhebt – über ein biederes Regiehandwerk freilich weist es hinaus.

Stefan Michalzik / Foto:  © Martin Sigmund
Termine: 8., 9., 23. Mai, 19.30 Uhr
www.staatstheater-darmstadt.de

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