Zum neuen Psychothriller »Ein widerliches kleines Gefühl« von Regina Nössler

Evelyn Beckmann ist passiv. Sie sagt nicht, was sie will, und nicht, was sie nicht will. Sie nimmt alles klaglos hin, beschwert sich erst später. Sie ist Mitte vierzig, seit einem Jahr von ihrer Freundin Mona getrennt, lebt in Berlin, in der Kulmstraße in Schöneberg, hat eine schöne Wohnung, einen guten Job und in ihren Augen auch ein gutes Leben. Sie könnte auch Erika Mustermann heißen. Ist wie gemacht für den Bereich Qualitätssicherung, dafür ist sie Teamleiterin in ihrem Betrieb. Bloß keine Abweichung. Nicht mit ihr.
Bis eines Tages eine alte Schulkameradin vor der Tür steht. Jennifer. Sie macht einen ziemlich abgerissenen Eindruck, an das Loch in ihrem Mantel muss Evelyn noch lange denken. Und an den einen Satz, es war der zweite: »Du bist alt geworden.« Nicht so nett, aber der Überraschungsbesuch korrigiert es sofort. Als Erstes, vor dem »alt geworden« und noch im Treppenhaus, hatte Jennifer gesagt: »Hi, Elli. Überraschung.« Und dann ist sie schon mit in der Wohnung, hängt ihren Mantel an die Garderobe im Flur, als wäre sie eingeladen worden. Evelyn macht Tee. Kräutertee. Sie reden, und gleichzeitig auch nicht. So viel hatten sie eigentlich früher nicht miteinander zu tun, damals in der Grundschulzeit, irgendwo in der Provinz, in einem Nest zwischen Ruhrgebiet und Münsterland.
Sie sei nur für ein paar Tage in Berlin, sagt Jennifer. »Bis irgendwann mal«, verabschiedet sie sich endlich. Was bleibt, ist, wie auch der Romantitel sagt, »Ein widerliches kleines Gefühl«.
Klein und unbestimmt, ein Haar-Riss im Daseinsfluss. Nichts, was man mit einem Begriff belegen oder einfach so exorzieren könnte. Oder vergessen. Einen Monat später geistert Jennifer immer noch durch Evelyns Gedanken. Und dann, zwei Monate nach der Heimsuchung, wie Evelyn das Ereignis inzwischen nennt, steht Jennifer auf dem Heimweg vom Büro plötzlich wieder vor ihr. Nicht weit von der Wohnung weg, immer noch das Loch im Mantel. Das fällt Evelyn auf, während ihre Gedanken rasen. 30 Jahre kein Lebenszeichen, und jetzt schon zweimal eine Begegnung. Normal ist das nicht. Wie geht man überhaupt mit so einer Situation um? Wie schaltet man auf Abwehr? Und was ist dann mit der Höflichkeit? Ein ganzes Kapitel Zeit nimmt das Buch sich für die peinliche Begegnung. Dann packt Jennifer Evelyn fest am Arm, schaut ihr zum ersten Mal direkt in die Augen. Die Überraschte kann sich losreißen, eilt davon. »Zu dieser Zeit, im Mai, achtete Evelyn Beckmann noch auf sich«, heißt es auf Seite 120. Im Juni dann steht Jennifer bei Evelyn im Büro. Aus dem widerlichen kleinen Gefühl ist eine Bedrohung geworden. Immer noch alles im zivilen Rahmen, aber die Schatten verfinstern sich. Manchmal, so lautet ein Satz auf Seite 281, passierten Dinge im Leben, die dann nicht mehr zu ändern sind.
»Ein widerliches kleines Gefühl« ist der neunte Thriller von Regina Nössler. Sie wuchs in Frankfurt und Herten/Westfallen auf, lebt in Berlin. »Alltag tötet« hieß ein Erzählband 2003, »Kleiner toter Vogel« ihr erster Thriller von 2010. Ein Jahr später folgte »Auf engstem Raum«, in dem ein kleiner Schreibwarenladen zum klaustrophobischen Universum wird. 2012 dann »Wanderurlaub«: Eine Wandergruppe, unterwegs auf der Kanareninsel La Palma. Sie wohnen im selben Hotel. Unterschwellige Feindschaften bauen sich auf. Inmitten uralter Kiefern- und Lorbeerwälder, in der imposanten Vulkanlandschaft der schönen Insel, zwischen bedrohlichen Nebelbänken und Abgründen steigern sich die Konflikte der Gruppe. Die Menschen zeigen alle auch ihre weniger netten Seiten. Viele könnten sowohl Opfer wie Täter sein. »Trittsicher bewegt Regina Nössler sich auf Highsmith-Territorium, ihr Können ist meisterlich, oberste Liga«, schrieb ich damals in dieser Kolumne im »Strandgut«. Das Niveau war keine Eintagsfliege. Regina Nössler ist eine unserer allerbesten deutschen Krimiautorinnen. Fest etabliert. Und Hausautorin im kleinen-feinen Konkursbuchverlag von Claudia Gehrke.
»Endlich daheim«, »Schleierwolken«, »Die Putzhilfe«, »Katzbach«, »Kellerassel« (2023) sind weitere Thriller von Regina Nössler. Allesamt sind sie Musterstücke eleganten Erzählens; sie spielen im Hier und Jetzt, jeweils in einem genau umrissenen Mikrokosmos, und spüren die Risse und Lügen und Abgründe in unserem Alltag auf. »Die ganz konkrete Ansiedlung ihrer Personen im täglichen Zermürbungsprozess des nicht privilegierten Arbeitslebens hat eine Qualität, die den Highsmith´schen Kunstwelten abgeht«, antwortete mir damals mein Freund und Kritikerkollege Thomas Wörtche. »Nösslers analytische Schärfe, ihr hypergenauer Blick beweist sich an dem, ›was der Fall ist‹, ganz materiell, unausgesprochen soziologisch, und nicht nur auf psychologische Dispositionen beschränkt. Ihre Prosa korrespondiert mit unser aller Erfahrung, vermutlich deswegen erkennen wir uns so oft in ihren Konstellationen und Konflikten – und das sind keine schönen, aber durchaus Momente schmerzlicher Helle. Schockhafte Flashs, die einen innerlich erröten lassen.«
Um es noch einmal mit ihren Worten zu sagen: »Manchmal passierten Dinge im Leben, die dann nicht mehr zu ändern sind.« Und mit meinen Kolleg*innen der Krimi-Bestenliste, wo Regina Nössler jetzt im November 2025 mit »Ein widerliches kleines Gefühl« aus dem Stand Platz 3 belegte, streite ich mich, wie wir ihre Bücher nennen und ob sie richtigerweise mit Patricia Highsmith in Verbindung zu bringen sind. Die notierte 1966 für ihr kleines Lehrbuch »Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt« zu ihrem ersten Erfolgsroman folgendes: »Als ich ›Venedig kann sehr kalt sein‹ schrieb, war es nur ›ein Roman‹, aber als es herauskam, wurde es als ›Suspense-Roman‹ eingestuft. Von da an wurde alles, was ich schrieb, in die ›Suspense‹-Schublade gesteckt.« Dort hat sie beste Gesellschaft. Regina Nössler gehört dazu.

Alf Mayer / Foto: © Andreas Krüger
Regina Nössler: Ein widerliches kleines Gefühl. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2025. 333 S., Klappenbroschur, 14 €.
Ebenfalls von Regina Nössler: Kleiner toter Vogel, Auf engstem Raum, Wanderurlaub, Endlich daheim, Schleierwolken, Die Putzhilfe, Katzbach, Kellerassel

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