In einer heißen Nacht in Miami

Das English Theatre präsentiert den Broadway-Thriller
»American Son« mit US-amerikanischem Ensemble

Es hat sich nichts geändert – und es ist doch alles ganz anders geworden. »American Son«, das neue Stück am English Theatre Frankfurt wurde vom US-amerikanischen Dramatiker und Rechtsanwalt Christopher Demos-Brown verfasst, kam 2016 zu seiner Premiere und 2018 an den Broadway. Entstanden ist es im Nachklang der ersten großen Protestwelle dieses Jahrhunderts in den USA, die mit Namen wie Michael Brown, Tamir Rice, Eric Garner, Sandra Bland, Philando Castile und vielen anderen verbunden ist, allesamt Opfer zumeist ungesühnter Polizeigewalt.
Zu erwarten steht ein antirassistisches Stück, doch kein Agitprop, sondern eine einfühlsame Handlungsstudie über Vorurteile, ihre Verankerung in uns und um das, was sie mit uns machen. Und es ist keineswegs – trotz seines Titels – nur amerikanisch. Geplant war die Frankfurter Premiere ursprünglich im Frühjahr 2020 – das wäre mitten in der nächsten großen Protestwelle nach dem Tod George Floyds (25. Mai 2020) gewesen. Es hat sich nichts geändert seither, aber es ist gerade deshalb auch bei uns alles ganz anders geworden.
»American Son« spielt von Beginn bis zum Ende in einer Polizeistation. Es ist Nacht, es ist heiß und wir sind in Miami. Wir finden Kendra vor, eine wohlsituierte Uni-Dozentin der Psychologie, die ihren 18-jährigen Sohn Jamal, Musterabsolvent einer Privatschule und Anwärter der Militärakademie West, vermisst, der samt dem Auto, das ihm die Eltern für seinen Schulabschluss schenkten, verschwunden ist und – völlig ungewöhnlich – nicht auf ihre Nachrichten reagiert. Was wir bald erfahren ist, dass Kendra schon eine ganze Weile darauf wartet, ihren Fall zu melden. Was wir erleben ist, wie man mit ihr verfährt und was und wonach man sie fragt. Was wir sehen ist, dass Kendra eine andere Hautfarbe hat als der Polizist. Und auch als ihr Mann Scott, den sie ruft. Dass es auch in der Ehe beider kriselt, ist die letzte Information vorab. »Nail-biting story« formuliert es die Kritik. Schon ein Jahr nach der Premiere hat Netflix »American Son« (mit Kerry Washington als Kendra) verfilmt.
Die Frankfurter Aufführung unter der Regie von Jonathan Fox ist eine Ko-Produktion mit The Ensemble Theatre Company im kalifornischen Santa Barbara, wo sie bis Ende April auf dem Spielplan stand. Anfang Mai packen Ensemble und Staff die Koffer, um auf der längst gebauten Bühne im größten englischsprachigen Theater Kontinentaleuropas weiterzumachen. Und einen erneuten Beweis zu liefern, dass es keiner postdramatischen Trallalas bedarf, richtig gutes Theater zu machen. So, wie schon mal vor fünf Jahren, als das New-Vic-Ensemble unter Jonathan Fox mit dem aufwühlenden Drama »Bad Jews« das Frankfurter Publikum nachgerade beglückte. Tracey A. Leigh als Kendra, Jamison Jones als Scott, Alex A. Morris als Lieutenant und Toby Tropper als Officer stehen auf der Bühne von Charlie Corcoran in einem am Stück, sprich ohne Pause, gespielten einaktigen Drama, das uns nur eines vorenthält: die Titelfigur. Was das »nail-biting« angeht, soll es im nahegelegenen Bahnhofsviertel auch Nagelstudios geben, die bis spät in die Nacht bedienen.

Winnie Geipert (Foto: © Zach Mendez)

6. Mai bis 3. Juni 2022: Di.–Sa., 19.30 Uhr; So., 18 Uhr
www.english-theatre.de

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