»Alcarràs« von Carla Simón

Eine Pfirsischplantage in Katalonien – die Ernte steht an. Es könnte die letzte der Familie Solé sein, denn der junge Landbesitzer will die Pfirsischbäume abholzen lassen und eine riesige Photovoltaikanlage auf dem Grundstück nahe dem Dorf Alcarràs errichten lassen. Der alte Pinyol ist tot und der Pachtvertrag, aus Dank für die Rettung im spanischen Bürgerkrieg per Handschlag geschlossen, hat vor Gericht keinen Bestand.

Es geht also um ein hochpolitisches Thema, einen grünen Konflikt zwischen der Erhaltung der Natur und ihrer brutalen Zerstörung für eine Technologie, die vor der noch schlimmeren Klimaveränderung und somit einer katastrophalen Veränderung der Natur schützen soll. Was für einen Film macht man zu diesem Thema?
Die Katalanin Carla Simón, die durch ihren Spielfilmerstling »Fridas Sommer« aufgefallen ist, hat auf politisches Argumentieren verzichtet. Als erfahrene Dokumentaristin hat sie sich auf die betroffenen Menschen konzentriert und eine semidokumentarisches Familienporträt inszeniert.
Sie hat die erfundenen Figuren mit nicht-professionellen Darstellern aus der Region besetzt, die wissen, was Landarbeit bedeutet und mit ihrer Heimat verbunden sind. Die wissen, was es für sie bedeuten würde, ihr Land zu verlieren.
Dies und die unverfälschte katalanische Sprache (der Film sollte in der untertitelten Originalfassung angehört werden), gibt »Alcarràs« eine einzigartige Atmosphäre. Denn bei aller Lebendigkeit in einer Großfamilie, die zur Erntezeit zusammengekommen ist, durchzieht den Film eine gewisse Wehmut. Selbst der Obstanbau ist nur noch mit massiver staatlicher Unterstützung wirtschaftlich überlebensfähig. »In diesem Sinn ist dieser Film auch eine Hommage an diese letzten Familien, die noch durchhalten auf ihrem Land. Sie sind es, die am respektvollsten mit dem Boden umgehen, nicht zuletzt, weil sie das Land ihren Kindern und Enkeln vermachen wollen«, sagt die Regisseurin.
Die kleinen Laiendarsteller kommen aus den ansässigen Bauernfamilien, und Carla Simón weiß sie klug einzusetzen. Die Kinder können das tragische Ausmaß des Geschehens nicht erfassen, aber andererseits sind sie es, die immer als erste die beginnenden Baumaßnahmen beobachten und den Erwachsenen aufgeregt berichten. Und wenn sie in ihrer Unbefangenheit die Erntearbeit behindern oder statt dessen helfen sollen, trägt dies dazu bei, die Stimmung im Kino aufzulockern.
Unterschiedlich ist die Einstellung der Erwachsenen zu der Krise. Der Familienvater Quimet (Jordi Pujol Dolcet) versucht es mit Ignorieren und verbissenem Arbeiten, seine Frau Dolors (Anna Otín) hält die Familie unerschütterlich zusammen, Großvater Rogelio (Josep Abad) gibt die Hoffnung nicht auf, dass der junge Pinyol (Jacob Diarte) den Solés doch noch den Boden überlassen wird.
»Alcarràs« ist ein erstaunlicher Ensemblefilm, in dem sich alles wie in einer Dokumentation ergibt. Die Erntearbeit mit ihren Zwischenfällen – einer wird durch einen Streit ausgelöst – und das gemeinsame Essen an einer großen Tafel, die pubertären Probleme der Jugendlichen und das Feiern nach vollendetem Einsatz. Wie »Nomadland«, der semidokumentarische Vorgänger aus den USA, der allerdings eine international bekannte Profi-Schauspielerin für den Publikumserfolg zu Hilfe nahm, besticht »Alcarràs« durch einen mitfühlenden Realismus. Auf der diesjährigen Berlinale wurde der Film nicht nur bei Kritikern als Höhepunkt des Wettbewerbs angesehen, auch Jurypräsident M. Night Shyamalan war begeistert und verlieh gemeinsam mit der Jury »Alcarràs« den Goldenen Bären.

Claus Wecker / Foto: © Lluís Tudela

ALCARRÀS
von Carla Simón, E 2022, 120 Min.
mit Josep Abad, Jordi Pujol Dolcet, Anna Otín
Drama / Start: 11.08.2022

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