»Axiom« von Jöns Jönsson

Ein »interessanter Mensch« kann faszinierend sein, wenn man ihm begegnet – im Leben und ganz besonders im Film. Schwierig wird es aber, wenn man bemerkt, dass man diesem Menschen höchstens die Hälfte von dem, was er erzählt, glauben kann und dennoch von ihm fasziniert bleibt. Mit diesem Zwiespalt beschäftigt sich der in Berlin lebende Schwede Jöns Jönsson in seinem zweiten Spielfilm.

Moritz von Treuenfels verkörpert in »Axiom« eine schillernde Persönlichkeit, und er beherrscht den Film souverän. Sein Julius ist ein ebenso redegewandter wie charmanter junger Mann, der in einem Museum die Aufsicht führt. Unauffällig schlendert er durch die Ausstellungsräume und mahnt einen Besucher hier, die Gemälde nicht zu fotografieren, einen anderen dort, nicht zu trinken. Julius ist in seinem Aufseherteam beliebt und wird allgemein anerkannt. Zu seinem Verständnis passt es auch, dass er sich Erik (Thomas Schubert) widmet, einem neuen Kollegen aus Österreich, der noch nicht lange in der Stadt (Köln) lebt.
Zu ersten Irritationen kommt es, als er Erik zu einem Wochenendausflug ohne Wissen der anderen Kollegen eingeladen hat. Julius hatte ihnen einen Segeltörn auf dem geräumigen Boot seiner wohlhabenden Familie – mit adeligen Wurzeln mütterlicherseits – vorgeschlagen. Da alle in Wochenendstimmung sind, wird die kleine Verstimmung abgehakt, bevor Erik erscheint.
Als sich auf dem merkwürdig langen Weg zum See herausstellt, dass Erik religiös ist, beginnt unter den jungen Leuten eine Diskussion über Glauben und Wissen, Ethik und Gerechtigkeit und über die Existenz Gottes. Julius nimmt Erik in Schutz, indem er religiöse mit weltlichen Glaubenssätzen gleichsetzt. Auch der Glaube an die Menschenrechte sei ein Axiom, ein Grundsatz, den keiner bezweifelt.
Das Segelboot wird die Gruppe nie erreichen, und Julius’ Mutter (Petra Welteroth) ist keineswegs eine Aristokratin, sondern eine handfeste Bürgerliche, gegen die der kleine Julius vermutlich einen schweren Stand gehabt hat. »Ich weiß, dass du deinen Freunden einen Riesenschwachsinn erzählt hast«, hält sie ihrem erwachsenen Sohn vor.
Julius schnappt Geschichten auf und wandelt sie in eigene Erlebnisse um. Als er den Museumsjob geschmissen hat, gibt er sich als Architekt aus, unter dessen Führung das serbische Konsulat gebaut werden soll. Bei einer zufälligen Begegnung mit Erik kommt es zu einem köstlichen Dialog, bei dem Julius‘ Freunde den ahnugslosen Erik für einen Architekten halten, und alle aneinander vorbei reden.
Andererseits ist nicht alles, was Julius von sich gibt, an den Haaren herbeigezogen. Seiner besorgten Mutter versichert er, dass er eine Frau getroffen habe und sich eine ernsthafte Beziehung erhoffe. Und das stimmt tatsächlich. Marie (Ricarda Seifried) ist eine junge Opernsängerin, die in einer Probe gezeigt wird, wie sie, nach Meinung des Regisseurs, ihre Gefühle nicht heftg genug ausdrücken kann.
Auch sie wird nicht herausfinden können, wer Julius wirklich ist. Und Julius wird nicht lernen, gewisse Axiome für sich zu respektieren. Er wird die Bedeutung der Axiome als Verständigungsgrundlage nicht erkennen. Mit seiner Angewohnheit, Aufgeschnapptes als selbst Erlebtes zu erzählen, untergräbt er jedes Vertrauen in ihn.
Marie wird ihm schließlich seine Geschichte vom nackten Mann, dem sie in der Öffentlichkeit begeg-net ist, als ihr eigenes Erlebnis erzählen. Sie wird ihn auf diese Weise entlarven und ihm das Gefühl der Unsicherheit verschaffen, das er ständig vermittelt.
Regisseur Jönsson erzählt von einem pathologischen Fall, ohne ihn psychologisch erklären zu wollen. Gerade richtig für alle diejenigen, die ins Kino gehen, um sich in fremde Lebenswelten hineinzuversetzen.

Claus Wecker / Fotos:  © Martin Menke/Bon Voyage Films/Filmperlen

AXIOM
von Jöns Jönsson, D 2022, 112 Min.
mit Moritz von Treuenfels, Ricarda Seifried, Thomas Schubert, Petra Welteroth, Max Themak, Ines Marie Westernströer
Drama / Start: 30.06.2022

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