Veronika Peters’ neuer Roman »Mehr Leben als geplant«

Ihr letztes Buch (Strandgut 12/24) war einer Baroness gewidmet, die einerseits wirklich existiert hatte, andererseits aber von Veronika Peters mit einem sonderbaren Leben, sehr skurrilen Zügen und einem grotesken Verhalten ausgestattet wurde. Das neue Buch, ihr neuntes unterdessen, trägt den schlichten Titel »Mehr Leben als geplant«. Man kann es als Gegenstück seines Vorgängers lesen: die Geschichte einer verlassenen Frau, die den Weg zurück ins Leben findet.
Alma und Karl sind seit etwa dreißig Jahren ein Paar, leben in Berlin in einer 6-Zimmer-Wohnung, haben zwei Mädchen, die seit einiger Zeit aus dem Haus sind. Finanziell geht es ihnen bestens, er ist Schuldirektor, sie ist äußerst erfolgreich mit ihren feministischen Frauenbiographien »vergessener Künstlerinnen«. Sie leisten sich Ferien an der Côte d`Azur, machen Kurztrips nach London oder Zermatt.
Doch dann bricht für die 60-jährige Alma Grün ihre vertraute Welt zusammen, Karl verlässt sie wegen einer jüngeren Kollegin. Inzwischen ist sie seit fünf Monaten allein, zu den Kindern hat sie nur wenig Kontakt, und auch die Buchaufträge bleiben aus. Sie lässt ihre Wohnung verkommen, ist verbittert, fühlt sich ungerecht behandelt und flüchtet sich in Selbstmitleid. In dieser Situation trifft sie auf ihre ehemalige Putzfrau Bascha. Die ist jetzt, zusammen mit ihrem Ehemann, stolze Besitzerin einer kleinen Pension, ganz in der Nähe von Alma. Obwohl sie sich gedemütigt fühlt, solche Tätigkeiten als eigentlich unter ihrer Würde empfindet, fängt sie an bei Bascha zu arbeiten, als Zimmermädchen. Für sie gefühlt: ganz unten. Sie lernt ein Leben kennen, von dem sie sich vorher nicht mal Vorstellungen machen konnte. Manchmal hinterlassen die Gäste die Zimmer in einem solch verdreckten Zustand, dass Alma sie als »asoziales Pack« beschimpft.
Zur gleichen Zeit bietet ihr ihre langjährige Literaturagentin Jana einen neuen Auftrag an. Sie soll die Lebensgeschichte von Claire Goll, der Frau des expressionistischen Dichters Ivan Goll – allerdings nur – recherchieren. Wie sich herausstellt, ist deren Lebensgeschichte »nachhaltig mit komplett von ihr erfundenen Elementen verwoben«. Intensiv setzt sich Alma mit Claire Golls Leben auseinander, ihrem kapriziösen Verhalten, ihren Lebenslügen und anmaßenden Überzeugungen. Alma sieht Parallelen zu ihrem eigenen: sie hat »mehr als ein Vierteljahrhundert damit verschwendet … einem untreuen Mann nachzutrauern«. Dass Alma sehr viel schneller zu ihrem emotionalen Gleichgewicht findet, ist vor allem ihrer Literaturagentin zu verdanken. Die bittet Alma darum, ihren Bruder Werner eine Zeit lang in ihrer großen Wohnung aufzunehmen. Dieser Werner ist ein, wie es hübsch direkt heißt, ein »außergewöhnlicher Spinner«. Jana bezeichnet ihn als einen Mann, »der es meistens gern dunkel und immer gern still hat, ein Typ, der ihrer Beschreibung nach eher ins autistische Spektrum passt«. Es stellt sich aber bald schon heraus, dass die beiden bestens miteinander auskommen. Das Zusammenleben mit Werner tut ihr gut. Allein schon durch seine Anwesenheit, seine Umtriebigkeit kommt regelrecht Leben in die Bude. Ihr gelingt es, ihre Vergangenheit beiseite zu schieben. Sie kann plötzlich damit, gleichsam schmerzfrei, umgehen. Sie wird wieder initiativ und weiß auf einmal, was sie mit den zurück gelassenen Sachen ihres Mannes machen soll: wegschmeißen. Die Altlasten landen auf dem Sperrmüll. Sie hat ein neues Leben begonnen, hat schlicht wieder zu leben begonnen. Die Agentin hilft ihr dabei, deren Bruder, ihr Untermieter, sowieso. Auch das Verhältnis zu ihren Kindern normalisiert sich.
Veronika Peters beschreibt in diesem Roman eine Frau, die verlassen wurde, aber daran eben nicht verzweifelt, sondern, erfolgreich, einen neuen Anfang wagt. Der Roman macht Mut, vor allem Frauen, die in dieser schwierigen Lebensphase, in diesem Alter, von ihren Männern verlassen worden sind, meist nur trübselig dem Alter entgegensehen – und auch gehen. Alma selbst ist erstaunt über sich, wie sie jetzt die neuen Herausforderungen meistert. Veronika Peters hat dafür genau den richtigen Ton gefunden, das heißt für die gelungene Mischung aus Lebensklugheit, Komik und Humor. Sie hat einfach ein schönes Buch geschrieben.

Sigrid Lüdke-Haertel / Foto: © Jürgen Bauer
Veronika Peters: Mehr Leben als geplant. Roman. Rowohlt/Kindler Verlag, Hamburg 2026, 256 S., 24 €

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