Am Anfang gleich eine Provokation. »General Custers« und ein »Insane Indian« bilden die Pforte in die Welt des Fritz Scholder. An versetzt gestellten Einzelwänden hängen diese beiden Porträts sich schräg gegenüber. Statuarisch, überzeichnet, die Farben dem Kosmos der Pop Art eines Andy Warhol, eines Roy Lichtenstein entnommen, mächtig und verfremdet begegnen sie sich hier. Beide Porträts verleiben sich die bekannte Ikonografie ein: General Custers – ganz schwarze Uniform, kleiner Kopf, Prankenhände auf knochenbleichem Untergrund – der »Insane Indian« in Schwarz und Braun auf rotlehmigem Bildfond, die Feder klein, verletzt – eine Kette zieht sich vom Mundwinkel über die Wange – aber sehr präsent. General Custers hat die bedeutende Schlacht am Little Bighorn im Jahr 1876 gegen Dakota-Sioux und Cheyenne verloren und mit dem Leben bezahlt. Wer also, wer hat hier gewonnen? Und was folgte daraus?
Diese Ausstellung im Tower des MMK ist die erste in Europa, die den in den USA sehr bekannten und sehr erfolgreichen Repräsentanten der zeitgenössischen indianischen Kunst vorstellt. Sie zeigt nur einen Ausschnitt aus seinem Werk, einen, der zwischen 1960 und 1990 entstanden ist, und als geschichtlicher und gesellschaftspolitischer Kommentar aber auch als ein Akt der Einverleibung von Bildern und Legenden in die eigene künstlerische Vision gelesen werden kann.
Der Biografie des vielfach ausgezeichneten Fritz Scholder (1937–2005) ist ein geradliniger Weg in die Bildwelten der Native Americans nicht unbedingt vorgezeichnet. Er hat sich auch mit anderen, weiteren Motiven beschäftigt, aber die Interpretation indianischer Lebenswelten und deren künstlerische Darstellung – auch Ausbeutung – wollte er nicht den Weißen überlassen. Und schon gar keine kolonialen Perspektiven tolerieren. Nicht zu vergessen: John Wayne und John Ford übten damals zum Zeitpunkt seines Schaffens noch die Deutungshoheit über den Kunstraum und die Darstellung von »Indianern« in den USA aus – in Deutschland waren es wenigstens Karl May und sein guter Wilder Winnetou.
Fritz Scholders Großmutter war eine Luiseňo, sein Vater von rassistischer Diskriminierung schwer geprägt. Die Ära der Umerziehungslager war noch längst nicht vorbei. Er selbst konnte mithilfe von Stipendien an mehreren Universitäten studieren, u.a. an der Sacramento State University und der Arizona University. Am neu gegründeten Institute of American Indian Arts in Santa Fe unterrichtete er Malerei und Kunstgeschichte. »Meine frühen Einflüsse waren vielfältig: von Oscar Howe, einem Sioux-Maler, bis hin zu Wayne Thiebaud, dem kalifornischen Pop Art Künstler.« Auch der abstrakte Expressionismus zog ihn an. Schon bald wies er die Stilismen der American Native Art von sich und integrierte Pop Art in seine Arbeiten, zeigte Indians nicht als stolz und gradlinig, sondern auch als krank, vom Alkohol gezeichnet, als verletzt, als Schizzo. Das hat ihm viel Kritik eingebracht, aber den Blick natürlich auch enorm geweitet. Er wandte sich dagegen, dass den »Nativen« nur eine einzige gültige Form der Interpretation zugewiesen sein sollte.
Ist es Zufall, dass der Gang durch den locker gestellten Parcours wie eine Ahnengalerie anmutet, aber auch eine der Grausamkeiten und des Stolzes und der unbezwingbaren Kraft wie bei »Indian Power«, das 1972 entstand. Zu sehen nur die Silhouette eines reitenden Mannes, kraftvoll geballte Faust, fliegende schwarze Zöpfe, lila Pferderücken auf leuchtend türkisem Grund – verdichtete Symbolismen. Unter dem scheinbar leicht zu entschlüsselnden Bildwerk verbirgt sich immer noch eine zweite Ebene, die den Blick irritiert, ein blauer Engelsflügel etwa, oder ein plötzliches Verwischen der Farben, so als würden sie aus dem Bild auslaufen (Monster Indian, 1968). Nahezu jedes Bild hat seine eigene Stellwand, das erlaubt ein tiefes Versenken des Zuschauers in diese längst überfällige Würdigung eines außergewöhnlichen Künstlers, Mannes, politischen Streiters. »The painter is a quiet rebel«, sagte Fritz Scholder einmal, der Maler ist ein stiller Rebell. In diesem Fall: Und was für einer!
Das MMK zeigt »Fritz Scholder« in einer ersten außeramerikanischen Ausstellung