Konnte man wissen, dass sie in einem solchen Fiasko enden würden? Die netten und fürsorglich geplanten, ordentlichen Vorstädte mit ihren ebensolch adretten Einfamilienhäusern? Dass sie Hausfrauen überall auf der Welt vereinen würden in ihrem Protest gegen ihre ausgefuchst konstruierten Küchen, in denen sie pro Tag eintausend Schritte weniger brauchen würden als in ihren alten, herkömmlichen, um ihre hausfraulichen Küchentätigkeiten adrett zu verrichten? Pfeif doch auf die paar Schritte weniger, die sie bei Laune halten, aber nicht wirklich mit ihrem Schicksal des Weg-Gesperrtseins versöhnen konnten. Denn draußen, also außen vor, isoliert, das waren sie.
Gelandet in einer Männerphantasie, so muss man es wohl werten, betrachtet man die aktuelle Ausstellung »Suburbia«, welche das Kuratorenteam im Deutschen Architekturmuseum der Chronologie folgend in drei Teile gegliedert hat. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts begann der Siegeszug des Eigenheims in den USA, als »eine neue Form der Landnahme«, folglich ist den Vereinigten Staaten der gesamte erste Teil der Schau gewidmet. Das eigene Haus verkörperte den Wunsch nach Platz, Ruhe, gesunder Umgebung, guter Luft, Individualität. Raus aus dem Schmutz, der von harter Industriearbeit gezeichneten Städte, raus in die heile Natur. Möglich machte das die sich entwickelnde Infrastruktur, Eisenbahnen, elektrische Straßenbahnen, später das Auto. Ausgebaute Wegenetze garantierten die erforderliche Mobilität und lieferten beiläufig den Zement zur traditionellen Rollenverteilung. Und alles begann wie im Traum: blitzeblauer Pool, blitzegrüner Rasen, hübsches Ambiente, Veranda oder Terrasse. Auch Buster Keaton hat sich dieses Themas des »American Dream« kintoppmäßig angenommen und für seine Angeschmachtete ein Eigenheim gezimmert. Eine bürgerliche Klientel sollte diese Phantasie ansprechen, wohlgemerkt, eine, die kreditwürdig war. Und weiß, selbstverständlich, Schwarze sollten in ihren eigenen Siedlungen leben.
Später investierten Automobilfirmen konsequent in Vorstädte, aber es gab auch Modelle, z.B. in New York, die Siedlungen näher an den Stadtkern heranzuführen und sie durch Straßenbahnen zu erschließen. Sie jedoch waren nicht besonders erfolgreich.
Man kann sich leicht vorstellen, wie dieser Heile-Welt-Kosmos auf die Bevölkerung des Nachkriegs-Deutschland gewirkt hatte. Ihm ist eine Insel inmitten der Ausstellung gewidmet. Hätten die Hausfrauen damals gedacht, dass sie politische Kalkülmasse waren? Dass ihr trautes Heim symbolisch als Bollwerk gegen Kommunismus und Sozialismus diente? Als politisch geförderter Ort der Kindererziehung? Vielleicht hätten sie dann schon früher die Löffel fallen gelassen als sie es dann schließlich taten. Eine herrliche Idee der Kuratoren, eine Home-Story von Ludwig Erhard aus den damaligen Klatschblättern hervorzukramen, im Eigenheim natürlich, und Wohnzimmersofas aufzubauen, an denen man sich in Tausende Nummern des »Schöner Wohnen«-Magazins vertiefen kann.
Dies ist nur eine Seite der Medaille. Das Allein-Sein hatte sehr wohl auch seine Schrecken. Doch öffnet sich für die einst weg gesperrten Hausfrauen vielleicht jetzt eine neue Perspektive? Denn der ausführlich gehaltene dritte Teil beschäftigt sich mit dem wohnungspolitisch wichtigsten Anliegen von »Suburbia«: der aktuellen Situation, der man Konzepte zur Transformation zur Verfügung stellen müsste. In Deutschland wird ein Eigenheim durchschnittlich von 1,8 Personen genutzt, eine Tatsache, die angesichts heftigsten Wohnraummangels und sich zuspitzender Klimakrisen einen ganz neuen Blickwinkel erfordert. Zumal in einer Befragung viele Bewohner*innen sich eine Verwandlung des Wohnraums vorstellen könnten, die eine Doppelnutzung zur Folge hätte. Das DAM hat Studierende der Universität München gebeten, für bereits existierende Hausmodelle Um- oder Anbauten zu entwerfen, die eine solche Doppelnutzung ermöglichen. Die oft phantasievollen Ergebnisse sind – mit vielem weiteren Zahlenmaterial – in einer großen Schauvitrine zusammengefasst und sie präsentieren die erstaunlichsten Ideen.
Im Großraum Frankfurt lässt sich diese Bewegung exemplarisch nachvollziehen, befindet sich in seinem Einzugsbereich von etwa 20 Kilometern ein suburbaner Raum, dessen Struktur von Ein- und Zweifamilienhäusern geprägt wird. Er würde sich durch Ausbau, Aufstockung, Anbau und Umnutzung gut transformieren lassen und damit einen Beitrag zur Abmilderung der Wohnungsnot leisten und sozialpolitisch ebenfalls neue Räume öffnen, einen neuen Zusammenhalt schaffen. Wäre dies ein gangbarer Weg aus der Wohnungskrise? Desperate Housewives revisited.
»Suburbia« – können Eigenheime Wohnungskrisen lösen? Eine Ausstellung im DAM