»Unter die Haut. Tattoos im Blick« – eine bewegende Ausstellung in den Opelvillen

Es ist kein einfaches Sujet, das derzeit in den Opelvillen präsentiert wird: Tätowieren und Deutschland – das ist erst einmal eine abgründige Verbindung, wie die Ausstellungsmacherin und Leiterin der Opelvillen Beate Kemfert sagt, deren Großvater im KZ inhaftiert war, Deutsche haben wirklich genug tätowiert – und sollten es nie wieder tun. Doch den Anstoß gab eine Anfrage des Jüdischen Museums, bei »Mishpocha« mitzumachen, deren Ausstellung zu communities und zum erweiterten Familienbegriff, die derzeit in Frankfurt zu sehen ist. Ihr fiel dazu die community der Tätowierer*innen und der Tätowierten ein, und deren künstlerische Manifestationen. Nicht um die unzähligen Tattoo-Studios geht es, nicht um die zahlreichen mit modischen Tattoos Übersäten. Die Ausstellung fragt vielmehr danach, wie diese Körperbilder zeitgenössische Künstler*innen zu neuen Impulsen verhalfen, vielleicht auch anleiteten, wie sie ihre Praxis um Tattoos erweiterten und noch erweitern, sei es auf Gemälden, Stoff, Leinwänden, Papier, skulptural oder in Videoarbeiten. Die beteiligten Künstler*innen stechen und perforieren auch selbst – aber nicht etwa in einem Studio, sondern beispielsweise als Teil einer Performance. Es ist unleugbar, dass damit eine besondere Haltung dem Leben gegenüber eingenommen wird, auch eine, die mit Diskriminierung einhergeht, mit dem »Anderen«. Dass Schmerz sich in diesem Fall mit Lust verbindet, ist unumstößliche Voraussetzung. Und dass Kunst subversiv ist, auch.
Eine weitere Inspirationsquelle stellen andere, unbekannte, auch versunkene Kulturen dar, wie ägyptische, afrikanische, japanische und chinesische Dynastien oder die Maori in Neuseeland. Sie wiederum definieren das Tattoo, die Körperzeichnung, als Quelle der Kunst und als Identitätszeichnung.
Die Opelvillen führen das Thema mit einer Zeitschiene ein, die in losen Kontexten beim Ötzi beginnt, der am Rücken und an den Gelenken Tätowierungen aufwies, und bei der »schönen Salomé« nicht aufhört, einer Jahrmarktsattraktion, einer vollständig mit Körperbildern übersäten Dame, auf deren Rücken sich ganze Blumenlandschaften, Medaillons und Vögel ausbreiteten. Pilger im 16. Jahrhundert ließen sich das Wappen Jerusalems stechen und auch die Kreuzigung Christi, zu sehen ist aber auch ein Brenneisen, das zum Tode Verurteilte mit einem Galgen markierte.
Ein Glücksfall für das Konzept der Ausstellung ist das umfangreiche Archiv des Hamburger Fotografen und Tätowierers Herbert Hoffmann (1919–2010), dessen Arbeiten wie ein roter Faden durch die Schau leiten. Der zweite Saal zeigt eine Galerie seiner Porträts aus den 1950–1970er Jahren. Sie strahlen eine derartig verwirrende und gleichzeitig faszinierende Mischung aus Öffentlichkeit und Intimität aus, dass sich Scheu vor so viel Ausgestellt-Sein in Schaulust verwandelt. Hoffmann verstand seine Fotos als emanzipatorischen Akt, er wollte das gesellschaftliche Stigma von Tätowierten hinterfragen, die eben nicht zum ordentlichen Bürgertum gezählt wurden, Seeleute halt, Streuner, Vagabundierende, Prostituierte. Er hat einen Rentner aus Mainz fotografiert, der einen ganzen Korb voller Totenköpfe auf der Brust trägt, eine Dame mit einem Panther auf der Pobacke. Viele, die sich stolz seinem Kamera-Blick offenbaren, sind am ganzen Körper tätowiert. Und sehr wohl Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft.
Dass Seeleute und Matrosen zu den ersten gehörten, die ihre Haut hinhielten, hat viele Künstler*innen angezogen, darunter auch die feministische Illustratorin Ruth Marten, die sich 1972 ein Tattoo stechen ließ in einer Zeit, als das in New York noch verboten war. Sie tätowierte anschließend selbst und wurde schnell zum Mittelpunkt der Punk- und Underground-Szene ihrer Stadt. Tätowieren wurde zum Identitätsmerkmal. Marina Abramović und ihr Partner Ulay ließen sich von ihr stechen, sie übertrug Mondrian und Man Ray auf menschliche Haut. In den Opelvillen ist sie mit einer ihrer neuesten Arbeiten vertreten, »All about Eve«: drei Aktdarstellungen von Pariser Tänzerinnen, abgelichtet auf Postkarten von 1923, die sie mit indigenen und floralen Tattoo-Motiven überzieht.
Duke Riley wiederum ritzt nicht Haut, sondern recyceltes Plastik, das er als Müll im Meer findet. Er benutzt dazu Scrimshaw, eine besondere Technik von Walfängern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, mit der sie damals Walknochen verzierten. Sein dringendstes Anliegen: auf Umweltverschmutzung und Klimakrisen hinzuweisen.
Explizit politisch versteht Sarah Dubná aus Prag ihre Arbeit, sei es auf Papier oder Haut – das Stechen und Tätowieren untersucht sie als subversive Rückeroberung des Körpers von marginalisierten Gruppen, als alternatives Storytelling, als Tagebuch der Wut und Aggression. Hier zeigt sie Arbeiten auf Leinwand, mit Tätowiernadeln gestochene, gekratzte, perforierte Linienfluchten, die sich treffen, auseinanderstreben, Verletzungen zeigen.
Tätowieren als rituelle Performance, in der der Körper zum Musikinstrument wird, als popbunte naive Bildwelt, als Überführung in andere künstlerische Dimensionen – das hier ausgebreitete prismatische Panoptikum ist verwirrend und sehr dazu angetan, eigene Bilder und Positionen zu überdenken.

Susanne Asal
Bild: Herbert Hoffmann, Emma & Oskar Manischewski, Berlin 1958
Courtesy GRAUWERT Hamburg & Galerie Gebrüder Lehmann Dresden
Bis 13. September: Di., Do.–So., 10–18 Uhr; Mi., 10–20 Uhr, www.opelvillen.de

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