Was mal war – »Sternbrücke Forever« von Christian Hornung

In einer Langzeitbeobachtung werden in diesem Dokumentarfilm die Bewohner und Mieter rund um die Sternbrücke porträtiert, eines Hamburger Industriedenkmals, das im Juli 2026 abgerissen wurde.

Historische Eisenbahnbrücken in Großstädten haben ihren eigenen schrägen Charme. Meist in Arbeitervierteln erbaut, siedeln sich dort, wie Muscheln an einem Steg, unter und neben Gleisen und mächtigen Pfeilern Läden und Subkulturen an. Ein solches Biotop existierte auch im Schatten der Sternbrücke im Hamburger Schanzenviertel. 1926 erbaut, wurde die denkmalgeschützte Brücke exakt hundert Jahre später abgerissen.
In diesem Dokumentarfilm werden in einer Langzeitbeobachtung vom Sommer bis zur Schlüsselübergabe zum Jahresende 2024 eine Handvoll Menschen porträtiert, die diesem von Auto- und Bahnverkehr durchtosten Viertel sein Gesicht verliehen. Anfangs zwischen Bangen und Hoffen schwankend – denn Abrisspläne gab es seit Beginn der 2000er – müssen sich die Mieter-Kioske, Clubbetreiber, Handwerksbetriebe und ihre Kunden, allmählich vergegenwärtigen, dass ihr scheinbar unendliches Provisorium auf Geheiß der DB und des rotgrünen Senats jetzt endgültig abgerissen und sie selbst vertrieben werden.
Eine rührige Bürgerinitiative will sich nicht mit dem Bau der neuen »Monsterbrücke«, die »wie ein Flugzeugträger« in den organisch gewachsenen Kiez hineinragt, abfinden und organisiert Demos mit Konzerten. Daneben kommen Betreiber von Musikclubs, eines Künstlerhauses, Astra-Eck, Falafel- und Dönerimbissen und ein Automechaniker zu Wort, dessen Werkstatt seit über 50 Jahren in der Familie war. Sie haben sich – »ganz schön laut, ne« – an den urbanen Plusschlag, die von ständigem Rumpeln getaktete Lärmkulisse, gewöhnt. Es wird spürbar, wie sehr diese von Generationen von Graffitis übersäten Orte Stätten der Begegnung waren, mit Nischen für Nachtschwärmer, einsame Rentner, die im Späti in schnoddrig-proletarischen hamburgisch eine Zigarette schnorren, und Außenseiter. Kurz: ein Stück Heimat, wo man, ohne ein Goldstück hinlegen zu müssen, sein Bierchen trinken, seinen Döner essen und ein bisschen quatschen konnte. Als Frankfurter erinnert man sich an das Schicksal des »Orange Beach«-Kiosks unter der Niederräder Eisenbahnbrücke.
Kioskbetreiberin Martina, die Seele des Ortes, gibt sich in Bezug auf ihre Zukunft abgeklärt, »Arbeit findet man immer«. Ein Manko dieses Films ist es, dass kein Befürworter des Abrisses zu Wort kommt, sieht man von ein paar lustigen Fußball-Touristen ab, die diese Ecke noch hässlicher finden als ihre eigene Stadt (Gießen). Doch man fragt sich am Ende warum eigentlich die Einwohner Null Mitspracherecht bei der Zerstörung ihres gewachsenen Wohnumfeldes haben. Wie würden unsere Städte aussehen, wenn die Bevölkerung selbst darüber bestimmen dürfte?

Birgit Roschy / Foto: © jip Film
>>> TRAILER
Sternbrücke Forever
von Christian Hornung, D 2026, 98 Min.
Dokumentarfilm
Start: 08.10.2026

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