Der Wiener Zauberberg als Solitär – Das Schauspielprogramm der Maifestspiele ist sehr übersichtlich geworden

Vom Resi im Süden bis zum Thalia im Norden, vom Schauspielhaus Bochum im Westen bis zum BE in Berlin und dem Staatstheater Dresden in Fernost: Die großen Bühnen der Republik müssen leider draußen bleiben – was das Schauspiel bei den Internationalen Maifestspiele 2026 in Wiesbaden angeht. Doch ganz ohne große Namen und große Adressen bleibt die Sparte nicht. So kommt die Wiener Burg mit einer – selbstverständlich – starbesetzten Produktion ins Große Haus, nicht eben klassisch, nicht eben mit großem Ensemble, nicht eben ganz neu und nur ein einziges Mal, doch spektakulär und deswegen längst ausverkauft: mit der gefeierten Adaption des Thomas-Mann-Romans »Der Zauberberg«, die in der Regie von Bastian Kraft zum Hundertsten des Werks im Januar 2023 uraufgeführt wurde. (28. Mai, 19.30 Uhr)
Erzählt wird die Geschichte des Hans Castorp, der seinen Vetter in einem Schweizer Sanatorium besuchen will, dort aber selbst zum Kranken wird und nach siebenjähriger Beschäftigung mit Liebe, Leben und Tod wieder entlassen wird, um mit einem Lied aus der Winterreise auf den stammelnden Lippen auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs im Nebel zu verschwinden. Der Bilderzauberer Bastian Kraft – in Frankfurt lernte man ihn, lang ist’s her, mit Schnitzlers »Traumnovelle« und Dostojewskis »Schuld und Sühne« kennen – hat mit seinem Team ein die komplette Bühne okkupierendes Bergmassiv kreiert, dem er mit nur vier Schauspielern, jeder Menge Masken und einer so ausgefeilten Videotechnik zu Leibe rückt, dass das mit dieser Kunst längst vertraute Wiesbadener Theaterpublikum noch beeindruckt sein dürfte. Auch wenn ein Schneesturm zu den Höhepunkten der Inszenierung zählt, kommt dank Dagna Litzenberger Vinet, Markus Meyer, Sylvie Rohrer und Tilman Tuppy auch die Schauspielkunst nicht zu kurz, zumal die Rolle des Castorp auf das gesamte Quartett verteilt ist. Übrigens zeigt am Vorabend der Aufführung das nahe Caligari die legendäre Verfilmung Hans Geißendörfers von 1982, in der Charles Aznavour den Naphta spielt. (27. Mai, 20 Uhr)
Eine der Festivalperlen schlechthin haben die Festspieleplaner mit »No Yoghurt for the Dead« an Land gezogen. Das am Nationaltheater Gent produzierte Stück ist von dem in Wiesbaden zum »Associate Artist« gekürten portugiesischen Theatermacher Tiago Rodrigues verfasst und inszeniert. Er hat aus kaum mehr lesbaren, bruchstückhaften Notizen seines sterbenden Vaters Rogério ein bewegendes und bildgewaltiges Farewell aus Erinnerungen, Fado-Liedern und Fragmenten kreiert, das von drei Schauspielerinnen und einem Musiker umgesetzt wird. (Mittwoch 13. Mai, 20 Uhr, in niederländischer und portugiesischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.).
Unter der Flagge »Digitales Theater« hat es das Virtuelle nun gar zum eigenen Genre bei den Maifestspielen gebracht. Zwei Arbeiten, die jeweils in limitierten Gruppen und Zeit-Slots mit VR-Brillen zu erleben sind, stehen im Programm: »Memories of Snow« und »[EOL]. End of Life«. Erstere basiert auf einem Stück der rumänischen Autorin Teona Galgotiu und wird vom Kollektiv »minus.eins.labs« in einer Augmented-Reality-Installation inszeniert. Wer die quasi archäologisch angelte Tour mitmacht, erfährt in einer kuriosen, schneelosen Zukunft von und mit der Protagonistin Cali, wie es dazu gekommen ist. (Wartburg, 15., 16. Mai, verschiedene Zeiten).
»End of Life« wurde vom Wiener Regieduo DARUM konzipiert und führt in den Großspeicher eines Technologiekonzerns, der erhebliche Teile der Vergangenheit loswerden muss, um zukunftsfähig zu bleiben. Die Entscheidung darüber, was zu löschen und was zu bewahren ist, bleibt – ganz schön tricky – den Teilnehmenden überlassen. Angesetzt ist das mit einer Einladung zum Theatertreffen 2025 geadelte Werk im Wiesbadener Casino: am 22. Mai zwischen 15 und 20 Uhr, sowie am 23., 24 und 25. Mai zwischen 12 und 17.20 Uhr.
Komplettiert wird das Schauspielprogramm von zwei Tourneeproduktionen, die beide kürzlich in Frankfurt gastierten: Wolfram Kochs dem surrealen russischen Autor Daniil Charms gewidmetes wunderbares Solo »Zack. Eine Sinfonie« (30. Mai, 19.30 Uhr) und das »Solaris«-Konzert der von Schauspieler Christian Friedel gegründeten Band »Woods of Birnam«. (2. Mai, 21 Uhr). Eher dem Musiktheater zuzuordnen ist auch die den Komponisten Johann Strauss würdigende Performance »Turn« der multinationalen Berline Gruppe Gob Squad (16. Mai, 14 + 19.30 Uhr; 17. Mai, 18 Uhr) sowie die Mozarts »Don Giovanni« und Bergmans »Szenen einer Ehe« fusionierende Show »Ciao Amore« des ungarischen Regisseurs András Dömötör (13., 14., 22. Mai, jeweils 19.30 Uhr.)

Winnie Geipert
Foto: »Non Yoghurt for the Dead« von und mit Tiago Rodrigues
© Michiele Devijv
www.staatstheater-wiesbaden.de

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