Die Burgfestspiele Bad Vilbel zeigen »Ein Sommernachtstraum« von William Shakespeare

Sex sells, aber Liebe verkauft sich auch nicht schlecht. William Shakespeare hat für sein Paradestück »Ein Sommernachtstraum« nicht nur ausgiebig die erotischen Anklänge der Johannisnacht genutzt. Seine Ende des 16. Jahrhunderts entstandene Komödie präsentiert auch ein facettenreiches Kaleidoskop der Liebe, das von romantischer Schwärmerei bis hin zu brünstigem Begehren reicht – und bis in unsere Gegenwart fasziniert. Die Geschichte um die folgenreiche Flucht eines jugendlichen Athener Pärchens aus den Zwängen der Erwachsenenwelt steht bis heute hoch im Kurs der Theater: bis vor kurzem noch am Frankfurter Schauspiel, demnächst wieder im Grüneburgpark bei der Dramatischen Bühne und seit Mitte Juni bis Ende August auf der Vilbeler Wasserburg.
Zur 39. Auflage des Festivals wird der hier zuletzt 2015 gezeigte Klassiker von Regisseurin Milena Paulovics präsentiert – auf einer Bühne, für die man, dem ersten Eindruck nach, alle Kosten gescheut zu haben scheint. Bis an die Burgwände streckt sich leicht angeschrägt das scherenschnittartig in organische Formen gekleidete Parkett, als wär’s ein Werk von Matisse. In grünrotes Licht getaucht, verwandelt sich die in das urige Gemäuer eingebettete Kulisse wirkungsvoll in den verzauberten Wald, in den es die völlig heutig gekleideten jungen Leute zieht.
Wer will, liest aus den V- und Y-förmig rankenden Rändern ein »Viva« – und ist damit schon mitten in der mit lässigen Grooves eingeleiteten Inszenierung, die damit beginnt, dass ein Vater wieder einmal seiner Tochter vorschreibt, wen sie zu heiraten hat – mit freilich anderen Konsequenzen als bei den Capulets. Hermia (Tina Schorcht), so heißt sie, flieht mit ihrem Liebsten Lysander (Jonah Winkler) die von Theseus nach Law & Order regierte Stadt. Ihr nachstellend finden sich auch des Vaters eifersüchtiger Favorit Demetrius (Jan-David Bürger) und die von niemandem geliebte Helena (Madeline Martzelos) im Reich des Elfenkönigs Oberon ein, um ihr blaues Wunder zu erleben. Na, nicht ganz, es ist ein eher violettes Wunder, das sich in den wilden Schöpfen und schillernden Paillettenkostümen seiner aufgedrehten Bewohner (Ausstattung: Pascale Arndtz) widerspiegelt.
Wohin die Reise geht, zeigt unmissverständlich der erste Auftritt des in Netzhemd und Glitterhose gekleideten Kobolds Puck. Mit hochtoupierter lila Perücke auf dem Kopf und Patti Smith auf den Lippen lädt uns der androgyne Gehilfe Oberons singend zu einem Festmahl der Leidenschaft in einer Nacht, die allein der Lust und den Liebenden gehören soll. Ganz schön kess und ganz schön viel verlangt vom zwar wohlgesinnten, doch auch wohlgesitteten Publikum zu Vilbel, zumal nicht drogenfrei. Pucks setzt den die Sinne berauschenden Extrakt einer Zauberblume – gottseidank – nur auf der Bühne ein, wo das Mauerblümchen Helena zu einem Objekt der Begierde wird – und aus dem Handwerker Zettel ein Esel, dem denn auch prompt Titania, die eigensinnige Gattin des Elfenkönigs, verfällt.
Aufmerksamen Beobachtern (Danke Sylvia) fällt dabei auf, dass Titania dem angenehm überraschten Langohr ganz ungeträufelt zu Leibe rückt. Und dass ihr weltliches Pendant Hippolyta sich wenig später dem rückverwandelten Zettel verdächtig nähert. Eine pikante Note der Regie, die dennoch nicht ganz die Patina zu überdecken vermag, die – allem Witz, aller Poesie und Spielfreude zum Trotz – dem Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel im Zauberwald nach mehr als 400 Jahren anhaftet.
Also erlebt man in Bad Vilbel einmal mehr, wie sich die Aufmerksamkeit immer stärker den Eskapaden jener tollpatschigen Handwerkertruppe zuwendet, die uns mit ihren Proben für eine Tragödie namens »Thisbe und Pyramus« hochamüsant in die Welt des Theatermachens entführt. Und dafür mehrfach Szenenapplaus erhält.
Neben dem bestechend aufspielenden Lukas Benjamin Engel in der dominierenden Rolle des lasziven Puck sind es vor allen anderen Steffen Weixler als Meister Zettel, Sebastian Witt (Schnauz), Friedemann Eckert (Flaut) und Ralph Opferkuch (Schnock), die für prächtige Stimmung auf den Rängen sorgen. Während Zettel den Esel gibt, treten seine prolligen Kollegen auch als schmierig sexualisierte Elfen mit Ungeziefernamen auf.
Ganz auf den Kontrast der Gegenwelten setzt die Regie auch in der Führungsetage. Paul Walther und Emily Klinge verkörpern in Personalunion sowohl das irdische als auch das magische Herrscherpärchen. Dabei weiß Walther vor allem in der Realwelt als schmalzgelockter Theseus mit Sonnenbrille zu überzeugen, kalt und wunderbar unsympathisch, während Klinge, die blass angelegte Hippolyta mit ihrer durchtriebenen Titania toppt.
Die lebendige Übersetzung von Frank Günther setzt sich im lockeren Umgang mit der leicht gekürzten Vorlage fort. Da wird mal die vierte Wand ignoriert oder auch beiläufig der Text hinterfragt. Und ganz ohne moralischen Fingerzeig auf diesem Wege ein bisschen Gegenwart à la Donald & Melania eingebracht, ohne dass wir gleich an Terror, Waffen und Kriege denken. Und nur ein wenig an Tyrannei. Das Leben kann schön sein. Viva in Bad Vilbel mit stehenden Ovationen.

Winnie Geipert / Foto: »Ein Sommernachtstraum«, © Eugen Sommer
Termine: 8.–11., 22.–24. Juli, 20.15 Uhr
www.kultur-bad-vilbel.de

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