Die Graphische Sammlung im Städel packt ihre Amerikaner aus: »Into The New«

Für die übersichtlichen Räumlichkeiten seiner Graphischen Sammlung durchforstet das Städelmuseum seine rund 100.000 Werke umfassenden Bestände zu ausgesuchten Themen stets mit Sorgfalt. »Herausragende Werke«, wie sie nun für die neue Ausstellung über die US-amerikanische Kunst auf Papier nach 1945 angekündigt werden, sind zwar schon von daher obligat, in diesem Fall aber auch der Begeisterung der Frankfurter Unternehmer Heinz und Gisela Friedrichs für den »Graphic Boom« und der in ihrem Namen gegründeten Stiftung zu verdanken.
Vor 25 Jahren stand die US-amerikanische Druckgraphik mit einer Überblicksschau zum letzten Mal im Fokus des Städelmuseums. Unter dem Titel »Into The New. Menschsein: Von Pollock bis Bourgeois« deckelt die Ausstellung nun unter einer spezifischen Fragestellung das weite Feld der vom Abstrakten Expressionismus bis zur Pop- und Minimal Art, von der Konzeptkunst bis zur Performance Art reichenden Kunstrichtungen nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Auseinandersetzungen mit der menschlichen Verfasstheit. Maßgebend ist dabei der künstlerische Blick auf den menschlichen Körper.
Als eine Art Prolog – im Raum hängt das Bild gleich rechts neben dem Eingang – geht der Ausstellung eine an die Sportfotografie angelehnte Lithografie George Bellows aus den 20er Jahren voraus, die eine legendäre Szene eines Boxkampfes zwischen dem Schwergewichtsweltmeister Jack Dempsey und seinem argentinischen Herausforderer Louis Angel Firpo aus der Perspektive des Publikums festhält: nicht Dempseys Triumph, sondern seinen der Wucht eines überraschenden Schlages geschuldeten Sturz aus dem Ring in die Ränge – und die Reaktion der ihn auffangenden Zuschauer werden fixiert. Unser Blick gleitet über die maskenhaften Gesichter zu der fliegenden Muskelmasse.
Bellows demonstriert eine Sicht auf den Menschen, die für viele Künstler nach 1945 obsolet wird. »An die Stelle einer naturgemäßen Darstellung tritt das zeichenhaft Abstrahierte, das Fragment, der Abdruck, auch die Leerstelle«, sagt Regina Freyberger, die als Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750 diese Schau kuratiert hat. Ihre 50 Objekte umfassende Auswahl ist in fünf Räume unterteilt und nach Kriterien wie »zeichenhaft abstrahiert«, »Text und Sprache«, »anwesend abwesend«, »Gedächtnis Erinnerung« oder »Abdruck und Leerstelle« sortiert.
So stellt Jackson Pollocks 1948 entstandene »Figur« fraglos noch einen Menschen vor, lässt uns mit einer nachgerade aufgelöst tanzenden Gestalt aber an archaische Wandzeichnungen oder gar kindliche Kritzeleien denken. Was so fahrig und dahingeworfen aussieht, entstand indes mit höchster Konzentration: ein »Drip painting«, für das der Künstler schnelltrocknende zähflüssige schwarze Emailfarbe auf ausgelegtes raues Papier träufeln ließ. Prähistorisch oder zumindest aus fremden, fernen Kulturen stammend muten die gestreckten, hieroglyphischen Strichkörper von David Smith (»Untitled«, 1952) an.
Leonard Baskins Holzschnitt »Angel of Death« (1959) scheint die Adern und Nerven eines menschlichen Wesens offenzulegen und dessen Verletzlichkeit und Fragilität zu zeigen: Mit seinem ausdruckslosen Gesicht lässt diese poröse Gestalt an Walter Benjamins Engel der Geschichte denken, bezieht sich aber auf ein Gedicht von William Blake (»A Divine Image«), das den Menschen selbst in tödlicher Mission sieht.
Bruce Naumans in den 68ern entstandene Siebdruck-Serie deklariert den menschlichen Körper nur mehr als Werkstoff, als Material. Seine mit Fingern geknetete Gesichts- und Körperpartien erinnern an kindliche Grimassen-Spiele, die lapidar auf »nose«, »mouth« oder »throat« reduzierten Titel an Arsenalbeschriftungen. Das dreidimensionale Porträt »Eliza« von Larry Rivers präsentiert uns ein collagiertes Gesicht aus verschiedenen Materialien, Kiki Smith setzt einen Büschel Haare in Szene, Louise Bourgeois eine wie aus rohem gemasertem Holz gewonnene Frauenfigur ohne Kopf namens »Sainte Sébastienne«, zeichenhaft von allen Seiten von Pfeilen getroffen. Bei Jasper Johns ist der Mensch sogar ganz verschwunden. Ein loser Drahtkleiderbügel lässt uns über das, die, den Fehlende(n) nachdenken. Schließen wir hier mit Bruce Naumans »Violence«, das eine Stiftzeichnung von drei Violinen zeigt und sich lautsprachlich erschließt. Über die genannten hinaus, werden noch Werke von Jim Dine, Lee Friedlander, George Segal, Robert Longo, Chuck Close, Dorothy Dehner, Mark Tobey, Louise Nevelson, Ed Ruscha und Kara Walker gezeigt. Unbedingt empfohlen ist der mit Hintergrundinformationen und Seitenblicken etwa auf die Lyrik der New York School of 1945 ausgestattete Katalog.

Lorenz Gatt / Foto: Larry Rivers, Eliza, © VG Bild-Kunst

Bis 17. Juli: Di., Mi., Fr., Sa., So., 10–18 Uhr; Do., 10–21 Uhr
www.staedelmuseum.de

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