»Everytime« von Sandra Wollner

Die Stadt, die Sonne, der Tod: mit surreal angehauchten Bildern erzählt dieses immersive Familiendrama von einer Trauer, die sich nicht in Worten, sondern in einer ver-rückten Wahrnehmung ausdrückt. Auf dem diesjährigen Filmfestival in Cannes wurde Sandra Wollners eigenwilliges Werk mit dem Spezialpreis ausgezeichnet.

In der Wohnung der alleinerziehenden Ella geht es betriebsamer zu als gewohnt. Am kommenden Tag will die Familie in Urlaub fliegen, und Ella ermahnt ihre beiden Töchter Melli und Jessie, endlich ihre Koffer zu packen. Die 17-jährige Jessie lernt Mathe mit ihrem Freund Lux, neugierig und eifersüchtig beäugt von Melli. Die kleine Nervensäge liebt es, sich mit ihrer großen Schwester zu streiten. Spätabends geht Jessie heimlich weg, um mit Lux die Nacht durchzufeiern und vor dem Abflug die letzten Stunden im sommerlichen Berlin bis zur Neige auszukosten. In der Morgendämmerung spaziert das Paar, von Pillen bedröhnt, durch grüne Parks und chillt auf einem Hochhausdach über der wie ausgestorben wirkenden Metropole. Spätestens jetzt stellen sich einem die Nackenhaare auf … und erst recht, als Jessie beim Anblick der rotglühend aufsteigenden Sonne das Meer riecht.
Und dann ist es wieder (oder immer noch) Sommer, und Ella und Melli pflegen ein Grab im Grünen. Eine zufällige Begegnung mit Lux bringt den verdrängten Schmerz wieder ans Tageslicht. Der beklommene Junge, von seiner Umgebung unterschwellig für Jessies Tod verantwortlich gemacht, nähert sich dem Mutter-Tochter-Duo an. Und Ella beschließt Hals über Kopf, den Familienurlaub auf Teneriffa nachzuholen.
Der Himmel über Berlin hat Regisseure seit jeher zu Höhenflügen inspiriert. Nicht nur »Christiane F.« träumte sich auf einem Hochhaus mit Blick auf die Stadt in eine bessere Welt. Und erst die vielen Indie-Filme, in denen der Berliner Sommer gefeiert wird: die in Berlin lebende österreichische Regisseurin Sandra Wollner und ihr grandioser Kameramann Gregory Oke verleihen dieser Stimmung eine unheimliche Note. Die lichtübergossene Metropole erscheint so fremd und marsianisch wie die kanarischen Vulkangebirge im grellen Sonnenschein.
Die Sonne ist der rote Faden dieses arthouse-Dramas und zieht einen, wie einst Jessie, hypnotisch in ihren Bann. Zwar weist die Handlung Längen auf. Doch der Versuch, von der Bewältigung von Tod und Trauer vermittels einer metaphysisch schillernden Bildsprache zu erzählen, ist mutig – und ästhetisch berückend. Zwischen betont dokumentarischem Familienalltag mit einer schnoddrigen Mutter – Birgit Minichmayr gekonnt ungefällig – und langen, elegischen Einstellungen entwickelt sich eine traumhafte Atmosphäre. In poetischen Überblendungen verschwimmen die Bilder von Mellis Computerspiel mit alten Familienvideos. Jessies Smartphone wird zu Mellis sorgsam gehütetem Schatz, hält das Gerät mit Fotos und Nachrichten doch die tote Schwester digital am Leben.
Doch was bedeutet es überhaupt zu sterben? In Mellis Wahrnehmung gehen Gegenwart, Vergangenheit und mögliche Zukünfte ineinander über. Mit seiner finalen schauerromantischen Volte gehört dieses eigenwillige Drama zu den wenigen Filmen dieser Tage, die einem nicht aus dem Kopf gehen.

Birgit Roschy
>>> TRAILER
Everytime
von Sandra Wollner, D/A 2026, 123 Min.
mit Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristan López, Carla Hüttermann, Naomi Elia Richard, Nanon Esja Mo Tara Nin Wendel
Drama
Start: 06.08.2026

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