Wenn Liebe bedingungslos ist »Brutpflege« – Studienausstellung im Museum Wiesbaden

Manches Mal ist es verzwickt mit den Zuschreibungen – was zeichnet gute Eltern aus, was schlechte? – und da ist eine rein wissenschaftliche Betrachtung im Tierreich wohltuend objektiv. Doch halt – auch hier herrschen hormongesteuerte Verhaltensweisen, wie Kurator Konrad Lipkowski betont. Das so genannte Kuschelhormon Oxytocin und das Stresshormon Cortisol lassen sich bei allen Säugetieren nachweisen, und da liegt die Vermutung nahe, dass neben dem tierischen Instinkt auch Gefühle bei der Brutpflege und Aufzucht ihres Nachwuchses eine Rolle spielen.
Die Studienausstellung präsentiert nun in verschiedenen Inseln Modelle der Kinderfürsorge. Am bekanntesten dürfte die der Kaiserpinguine sein, die ihr Ei stehend bei Wind, Sturm, Schnee und Eis oberhalb ihrer Füße in einer Brutfalte balancieren und es mit der Körperwärme schützen – und das in der Antarktis. Diese schwierige Aufgabe übernehmen sowohl Männchen als auch Weibchen, während der Partner auf Futtersuche geht – es können Monate bis zu dessen Rückkehr verstreichen. Das glatte Gegenteil dieser Form von Fürsorglichkeit verkörpert das Hammerhuhn, das in der stark von Vulkanen geprägten Inselwelt Indonesiens beheimatet ist. Es vergräbt die Eier im Boden und überlässt der Natur das Brüten. Doch der Platz will präzise auskundschaftet, schließlich darf es dort weder zu heiß noch zu kühl sein. Vom ersten Moment an steht das Küken sozusagen auf eigenen Beinen –es gräbt sich autonom durch die Erdschichten an die Oberfläche und ist auch sofort in der Lage, für eigene Nahrung zu sorgen. Die Fürsorge besteht in diesem Fall auf der sorgfältigen Auswahl des Brutplatzes.
Da geht es bei den Pfeilgiftfröschen wesentlich komplizierter zu. In ihrer Vitrine ist ein Stück ihres natürlichen Habitats im peruanischen Regenwald nachgebildet. Der Vater bewacht die Eier und hält sie feucht, später trägt er die Kaulquappen einzeln auf seinem Rücken zu winzigen Wasserstellen in Blattachseln oder kleinen Baumhöhlen. Die Mutter bringt sodann Nahrung in diese Kinderstuben. Oft handelt es sich dabei unbefruchtete Nähreier, doch es kommt auch zum Kannibalismus.
Gemütlicher haben es da die Faultierbabys, die ganze sechs Monate auf den Rücken ihrer Mutter geklammert zubringen – so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Brutpflege auch die Bereitstellung eines eigenen Lebensraums einschließt und die Familie zur beweglichen Schutzzone wird.
Neben weiteren, auch überraschenden Methoden der Baby-Aufzucht in der Tierwelt versammelt ein Monitor Bettelrufe verschiedener Tierbabys – vom wimmernden Seehund bis zum trillernden Ñandu. Das afrikanische Elefantenkind liefert sich hier einen Dialog mit seiner Mutter – ein schöner Ausstieg.

Susanne Asal
Foto: Schichtwechsel beim Brüten: Ein Königspinguinpaar (Aptenodytes patagonicus) bei der Übergabe des Eis. Jeder Elternteil balanciert es wochenlang auf den Füßen, während der andere auf Nahrungssuche geht. Foto: Museum Wiesbaden, Bernd Fickert

 

Bis 10. Januar 2027: Di., Mi., Fr., Sa., So., 10–17 Uhr; Do., 10–21 Uhr
www.museum-wiesbaden.de

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