Die wahren Farben des »Ulyssess« – Der Maler Werner Schmidt malt den Roman von James Joyce

Welch eine Hingabe. Sieben Jahre lang, so lange wie James Joyce für die Niederschrift seines Jahrhundertromans »Ulysses« gebraucht hat, ganze sieben Jahre lang hat der Maler Werner Schmidt minutiös erst all die Farben dokumentiert, die in diesem Jahrhundertroman vorkommen – und dann mit ihnen gearbeitet. Sieben Jahre lang hat er den Roman gemalt, Farbwort für Farbwort, die 1015 Seiten der Wollschläger-Übersetzung hindurch. Eine Ermittlung der wirklich besonderen Art und der Höhepunkt seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Autor. Ein Versuch, den gewaltigen, jeden Rahmen sprengenden Roman auf eine andere Weise zu bereisen, zu erfahren und auf neue Weise zu verstehen, die Wahrnehmungsmöglichkeiten dieses Universums um eine neue Erfahrungsschicht zu bereichern. Das Ergebnis liegt nun als Künstlerbuch vor. Es ist ganz und gar einzigartig. Und mit ein Grund dafür, dass der Verlag 2025 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde.
Der Band ist so ungeheuerlich und reich wie der Roman.
Längst nicht mit einer einzigen Durchquerung zu erfassen.
Oder in einer kleinen Besprechung zu würdigen.
Dafür ist dies alles viel zu groß.
Wie ein Fund wie aus einer anderen Welt.
»Werner Schmidt – leben mit James Joyce« überschreibt der Kunsthistoriker Dirk Teuber seine Annäherung an den Maler. Der liest Anfang der Achtziger Jahre den »Ulysses« langsam über Jahre (»sieben, sagt die Legende«), mit Sorgfalt, »Seite um Seite, ohne Frage, ob dies sinnvoll ist oder zu etwas führt, sondern um des Lesens willen, unverdrossen und mit wachsender Leidenschaft«. Die Lektüre wird zu einer Sinnfrage, wird zum Sinn. Sie fordert Schmidt auch darin, was er für ein Maler ist. Wie er malt. Was er malt. Malen wird zur existentiellen Geste, obwohl doch nur bloßes Pigment, eigentlich alltäglich banal. Aber doch so viel mehr. »Malerei ist Grenze und doch nicht fassliche Weite«, schreibt Teuber; sein Text ist einer der Höhepunkte im Buch. Werner Schmidt nennt das Entstehen eines Bildes einmal »ein Stück Unendlichkeit mit Datum«.
Ja, wir sind im Metaphysischen. Dort, wo die Kunst ihr Echo hat.
Malen, wenn man sich wirklich radikal hinein versenkt in den Akt – in die Farbe –, kann zur Wahrheit werden, zum transzendentalen Moment, im Licht gebannt und im Schatten. Eine unmittelbare Erfahrung, tiefgründig wahr und echt. Eine geistige Manifestation jenseits des Verbalen und jenseits der Begriffe. Die Kirchenväter kennen dafür den Moment der Epiphanie – der Erscheinung. Eine Klarheit, ein Leuchten, eine elementare Erfahrung: »Gute Bilder kann man nicht planen. Man muss bereit sein, wenn sie kommen«, weiß Werner Schmidt.
Der sich selbst gestellten Aufgabe hat er sich wie ein Mönch gewidmet. Kompromisslos. Unermüdlich. Kontemplativ. Mit sich ringend. Radikal. Mantrahaft. Man darf auch Zen-buddhistisch sagen. Er selbst nennt das alles ganz anders. Er ist einfach ein Maler, der seinen Farben und besonders seiner jeweiligen, gerade verwendeten Farbe so tief und ehrlich wie nur möglich auf den Grund gehen will. Das Buch bildet diese Arbeit ab.
Auf eine gewisse Art ist es auch ein Frankfurt-Buch. Werner Schmidts Vorfahren gehörte die an der Solmsstraße 31 in Bockenheim gegründete Druckfarbenfabrik Gebrüder Schmidt GmbH (abgekürzt GS), nach dem Krieg an der Gaugrafenstraße in Rödelheim weitergeführt – ein weltweit bedeutender Hersteller von Druckfarben für Zeitungen und Bücher, heute auch für Verpackungen. Der Begriff »farbecht und wahr« ist mit diesem Unternehmen verbunden (heute gehört es zu einem US-Konzern).

Der Band versammelt 22 Autorinnen und Autoren, allesamt große Joyce-Kenner. Das Buch ist aber auch erhellend in all things Malerei-Prozess. Und, wir sind schließlich in einem keineswegs humorfreien Bereich der Schrift- und Bildkultur, es gibt sogar einen Beitrag: »Ulysses for the colour blind«.

Alf Mayer / Foto: © Dr. Cantz‘sche Verlagsgesellschaft DCV
Werner Schmidt: James Joyce und die Farben des Ulysses. Kommentiert von Dirk Teubner, mit 21 Autoren aus Philosophie, Literatur- und Kunstwissenschaft und Anglistik. Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft DCV, Berlin 2025. Hardcover mit Lesebändchen und Poster, Format 20 x 27 cm. 328 Seiten, Hardcover, über 240 Abbildungen, 59 Euro.

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