Der Mann, der die Filme liebte »Berufung: Kritiker« heißt eine Sammlung von Hans Schifferles Texten

Hans Schifferle habe ich kennengelernt, als wir in der Strandgut-Redaktion eine Kritik zu »John Carpenters Vampire« bekamen, die so gar nichts mit diesem Horrorfilm anzufangen wusste. Eine Nachfrage bei »epd Film« ergab, dass dort ein Text von Hans Schifferle vorlag. Ich griff also zum Telefon und rief in München an. Seine Texte, die auch in der Süddeutschen Zeitung erschienen, waren mir damals schon aufgefallen. Ob ich seine Nachdruckerlaubnis bekam, bevor oder nachdem ich ihn lobte, kann ich heute nicht mehr sagen.
Jedenfalls entstand eine lockere Beziehung, die jedes Jahr während des Münchner Filmfestes bei einer Tasse Kaffee oder ein paar Gläser Bier gepflegt wurde. In unseren sehr persönlichen Gesprächen ging es nur am Rande um Filme, doch ein Filmfest ohne ein Treffen mit ihm schien mir unvollständig. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich erfuhr, dass jetzt eine Sammlung seiner Texte erschienen ist.
Ein erster Blick in den sorgfältig zusammengestellten Band bestätigt, dass der Carpenter-Film seinerzeit so richtig ein Werk nach seinem Geschmack war. Denn in der vorliegenden Auswahl von Kritiken, Filmessays und Porträts der 90er und 2000er dominieren die kleinen, sperrigen, auch trashigen Filme, denen er immer etwas abgewinnen konnte. In ihnen entdeckte er Anklänge an Meisterwerke von Dreyer, Hitchcock, John Ford oder Billy Wilder, und manchmal scheint er zu bedauern, dass er als Spätgeborener nicht Erstaufführungskritiken zu deren Filmen hatte schreiben können.
Dafür steuerte er Betrachtungen von Klassikern aus heutiger Sicht bei. Er schrieb über die James-Bond-Filme, über die Sex-Komödien mit Doris Day (die bis heute unterschätzt wird) und Rock Hudson und anlässlich der Viennale-Retrospektive über die Opfer der Schwarzen Liste in Hollywood über Verstoßene, Verfolgte, Verzweifelte.
Immerhin hatte er im Münchner Filmmuseum, im Werkstattkino und diversen Festivals die Möglichkeit, ein fundiertes Filmwissen zu erwerben, von dem er ausgiebig Gebrauch machte. Später kamen die Videokassetten und DVDs hinzu, die zu sammeln er nicht widerstehen konnte. Dass sich in seinem Haus auch Programmhefte und Filmbücher stapelten, muss nicht verwundern. Ich weiß noch, wie er nach einer Flut, die Teile Münchens überschwemmte, über verdorbenes Material in seinem Keller klagte.
Originelle Ideen, die zu einem besseren Verständnis führen könnten, findet man zuhauf in dem Buch. So leitet er einen längeren Text über einen Film von John Parker mit dem Satz ein: »Daughter of Horror«, das ist ein Film, den man nur zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens sehen sollte. Der Satz vermittelt die Faszination, die das Werk bei Hans ausgelöst hatte. Distanziertes Bewerten war seine Sache nicht.
Der Sammelband enthält auch eine Zeittafel, drei Texte über ihn und die Münchner Filmkritiker-Szene sowie vier seiner Nachrufe auf Kollegen, unter ihnen ein längerer über Wolf-Eckhart Bühler, der gerne über die Vernachlässigten der Filmgeschichte geschrieben hat und mit dem ihn ein bestimmtes Außenseitertum, wie er es nennt, verband.
Neben dem Kino gehörte seine zweite Leidenschaft den Motorrädern, von denen er 45 Exemplare besaß. Beide Vorlieben verband er mit einem Essay zum Motorradfilm unter dem Titel »Wie der Herzschlag Amerikas«.
Leider ist es nur zu wenigen Originalkritiken im Strandgut gekommen, die sauber getippt und nur minimal handschriftlich korrigiert per Fax die Redaktion erreichten. Bis zu seinem Tod am 10. März 2021 weigerte er sich, einen Computer zu benutzen.

Claus Wecker
Hans Schifferle: Berufung: Kritiker.
Rolf Aurich, Ulrich Mannes (Hg.) edition text + kritik (Film & Schrift 24), München 2026, 256 S., 28 €

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert