Der neue Roman von Elisabeth Strout: »Erzähl mir alles«

Sie stammt aus Portland, Maine, lebt jetzt vor allem in New York, kehrt aber, wie viele New Yorker, die sich das leisten können, immer wieder nach Maine, ans Meer zurück. Auch ihr neuer Roman ist natürlich dort oben angesiedelt. Für den Roman »Mit Blick aufs Meer« erhielt sie sogar den renommierten Pulitzer-Preis (und ein Teil des Personals ist auch jetzt wieder dabei). Vor vier Jahren wurde ihr in Deutschland der Siegfried-Lenz-Preis verliehen. Elisabeth Strout zählt zu den Großen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Und jetzt steht sie auch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.
In dem neuen Roman begegnen wir etlichen Figuren, die wir bereits aus früheren Büchern kennen (können). Da ist zunächst Lucy Barton, 66, Schriftstellerin, die lange in New York gelebt hat. Sie war verheiratet mit William, ließ sich scheiden, heiratete ein zweites Mal, der Mann starb. Vor einiger Zeit zog sie nach Maine, in den fiktiven Ort Crosby. Doch nicht alleine, sondern mit ihrem geschiedenen Mann, sie hatten sich nie ganz aus den Augen verloren. Olive Kitteridge, inzwischen 90, lebt in einem Seniorenheim. Sie ist zwar jetzt etwas gebrechlich, aber immer noch kompromisslos meinungsstark, und nicht selten verletzend. Ihr hatte Strout seinerzeit sogar ein eigenes Buch gewidmet. (»Mit Blick aufs Meer«). Lucy besucht Olive regelmäßig einmal die Woche und beide freuen sich immer darauf. Sie erzählen sich Geschichten von Menschen, die unter Einsamkeit leiden, Probleme haben, im Leben gescheitert sind oder nicht über Trennungen hinwegkommen. Oft sind es »Menschen mit einem unbeachteten Leben«. Eine wichtige Rolle spielt auch der Anwalt Bob Burgess, verheiratet mit Margaret, einer Pastorin. Bob lebt schon lange in Crosby. Er ist ruhig, empfindsam und wirkt manchmal etwas traurig. Den Grund dafür erfährt der Leser später. Diese drei Figuren tauchen in einigen Büchern von Elisabeth Strout immer wieder auf.
In dem neuen Buch entdecken Bob und Lucy eine gemeinsame Leidenschaft: lange Spaziergänge am Meer. Sie treffen sich einmal in der Woche und Bob gönnt sich dabei immer eine verbotene Zigarette. Sie erzählen sich viel von ihren Gefühlen, ihren Abneigungen und Vorlieben und allmählich entwickeln sie eine solche Vertrautheit, dass diese Spaziergänge »lebensnotwendig« werden. Als Bob merkt, dass er sich in Lucy verliebt hat, ist ihm klar, dass er sich diese Gefühle verbieten muss, es würde zu viele Probleme mit sich bringen. Eine gewisse Ablenkung findet er, als er einen Fall als Verteidiger übernehmen kann.
Matthew Beach lebt zurückgezogen in Crosby, Er ist Hausmeister, pflegt seine streitsüchtige Mutter und ist ein zutiefst einsamer Mensch. Eines Tages ist die alte Dame verschwunden und als sie tot aufgefunden wird, verdächtigt man natürlich Matthew. Er hätte gute Gründe gehabt, diese boshafte Frau zu entsorgen.
Auf dem Hintergrund solcher Ereignisse erfahren wir viel über die Menschen, die in diesem überschaubaren Örtchen leben. Ihre Freundschaften, ihre Probleme. Auch über die Rückschläge, die sie hinnehmen müssen. Doch das Grundthema bleibt – die Einsamkeit. Deshalb muss nicht viel passieren. Die Handlung ist gewissermaßen nach innen verlegt. Die Spannung ergibt sich aus Gesprächen, Beobachtungen, Erinnerungen und Reflexionen über das Alter, Schuld und Missverständnisse. Bob beispielsweise glaubt sein Leben lang, dass er als Kind für den Tod seines Vaters verantwortlich gewesen ist. Daher rührte seine »freundliche Traurigkeit«. Bob war vier Jahre alt als der Unfall passierte. Das Auto stand am Hang, sein achtjähriger Bruder – und eben nicht er – hatte die Handbremse gelöst. Der Vater wurde von seinem eigenen Auto überrollt. Erst am Ende des Buches erzählt ihm sein Bruder den wirklichen Hergang des Geschehens.
Elisabeth Strout schafft es dabei immer wieder »das Schwere« wunderbar leicht zu erzählen. Sie findet Lösungen, die keineswegs aufgesetzt wirken und doch für einige ihrer Protagonisten einen Horizont öffnen, der eine hoffnungsvollere Zukunft ahnen lässt. So heiraten Lucy und William sogar ein zweites Mal.
Elisabeth Strout beschreibt eindrucksvoll das schwierige Leben ihrer Figuren. Es sind einsame und eher unbedeutende Menschen, die von der Erzählerin mit einer Würde ausgestattet werden, die sie gleichsam adelt. »Die Menschen leiden. Sie leben, sie hoffen, sie finden sogar Liebe und dennoch leiden sie. Jeder Mensch leidet. Wer sich da für eine Ausnahme hält, der macht sich was vor.«

Sigrid Lüdke-Haertel / Foto: © Yoon S. Byun /strewnwonder.com
Elisabeth Strput: »Erzähl mir alles«. Roman, Luchterhand Verlag, München 2026, 394 S., 25 €

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