English Theatre: Diane Samuels »Kindertransport« im Education Programm

Aufbruchstimmung in Sepia herrscht auf der Bühnenwohnung des English Theatre. Keine freudige: Koffer und Kisten stehen lose herum. Könnte auch eine Räumung sein. Im Rücken ein Regal, ein Kleiderständer, ein verhülltes Klavier und die Wand, vollbehangen mit Fotografien, Werbetafeln und Bildern. Wer genau hinschaut, kann entdecken, dass die rechte Seite einige irische Motive ausweist – Oscar Wilde, Guinness-Beer – während sich die düstere linke, in der das Spiel beginnt, auf zwei, drei Landkarten beschränkt.
Die erste Szene in Diane Samuels 1993 in London uraufgeführtem Stück »Kindertransport« spielt im Deutschland von 1938 und zeigt uns die neunjährige Eva, die mit ihrer Mutter Helga ihre Sachen für eine Reise nach England packt. Eva ist eines von etwa zehntausend jüdischen Kindern, die auf Initiative von Hilfsorganisationen vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges aus Deutschland ausreisen können – und ihre Eltern zurücklassen im antisemitischen Furor des Nazireichs. Die Koffer der zweiten Szene stehen im England von 1980 und werden von der 18-jährigen Faith zum Verdruss ihrer genervten Mutter Evelyn gerade wieder ausgepackt, weil sich ihr Teenie nun doch noch nicht auszuziehen traut. Als die angehende Studentin beim Kistenkramen zufällig auf alte Briefe, Puppen und Kinderbücher aus Deutschland stößt, wird ihr gewahr, dass es vieles gibt, was ihre Mutter ihr vorenthalten hat.
Die Geschichte, die das Publikum von nun an auf beiden ständig wechselnden und teils gar verzahnenden Zeitebenen erlebt, behandelt mehr noch als die noch viel zu wenig bekannte historische Facette der Kindertransporte die Gefühlswelt vieler, die dem Terror des Nazireichs entkamen. Diese sind nicht allein von der Trauer über die unsäglichen Verluste von Freunden, Verwandten oder Eltern geprägt, sondern oft auch von der quälenden Schuld den Opfern gegenüber. Noch als Kind nämlich, so vermitteln uns die permanenten Rückblenden im Spiel, sucht die sich verlassen fühlende Neunjährige verzweifelt, ihre Eltern nachzuholen. Ein aussichtsloses Mühen, das zur traumatischen Erfahrung wird, die sie unter neuem Namen (Evelyn statt Eva), mit einer neuen Identität zu vergessen und verdrängen suchte.
Unter der strikt der Theatertextvorlage folgenden Regie der Britin René M. Becker erleben wir – parallel zu der schmerzhaften Trennung Evas von ihrer Mutter und ihrer Aufnahme bei der Pflegefamilie in Manchester – die von Faith fast detektivisch erfochtene Aufdeckung wie einen Ödipus-haft konzipierten Thriller, der ihr Schritt für Schritt mit dem Leben der Mutter auch die eigene Identität als Tochter einer Holocaust-Überlebenden enthüllt. Immer wieder tritt dabei als eine Verkörperung des dunklen Unbewussten, die mysteriöse gesichtslose Gestalt des schwarzgekleideten »Ratcatchers«, des Rattenfängers von Hameln aus Evas Kinderlektüre, auf. Eine dämonische Figur, die sich auch in anderen, mit denen es Eva zu tun hat, widerspiegelt.
Aus dem involviert agierenden Ensemble sticht der berührende Auftritt von Lisa Panse als die von ihren inneren Kämpfen gezeichneten Mutter heraus. Aber auch das Spiel von Michelle Tafelmeyer (Eva), Alexandra Isabel Reis (Faith), Alexandra Betz als Evas Mutter Helga, und Tracy Grey als Pflegemutter Evas und nur vermeintliche Großmutter von Faith überzeugt. Nur kurz, aber effektvoll gibt Allix James den Ratcatcher, Zollbeamten und Nazi-Schaffner.
Die pädagogische Leiterin des English Theatre, Tanja Gerner, hat für Schulklassen eine Begleitmappe zu diesem auch Erwachsenen zu empfehlenden bewegenden Stück aus dem Education Program des Hauses erstellt, in der über historische Bezüge hinaus viel über das jüdische Leben zu erfahren ist. Verbunden werden die Workshops rund um die Aufführung mit dem Besuch des unweit an der Ecke zur Kaiserstraße aufgestellten Kindertransporte-Denkmals »Das Waisenkarussell« der israelischen Künstlerin Yael Bartana. Zu erreichen ist die Pädagogin unter tanja.gerner@english-theatre.de.

Winnie Geipert / Foto: © Martin Kaufhold
Nächster Termin: 27. Januar 2024, 11 Uhr (weitere folgen)
www.english-theatre.de

P.S.: Das Thema Kindertransporte wird auch in Liora Hilbs Stückentwicklung »All that matters« im Theaterhaus behandelt. Es steht dort im März wieder auf dem Programm und wird im März-Strandgut ausführlich besprochen.

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