Theaterhaus: Grüne Sosse zeigt Lindgrens »Karlsson vom Dach« als mitreißendes Solo

Von Zehn auf Zero zählt der filmische Vorspann auf einer der beiden Großleinwände im Theaterhaus herunter, mehr braucht es nicht, um die sich sofort und laut in den Countdown stürzenden Kinder im Frankfurter Theaterhaus von Null auf Hundert zu bringen. (Für 110 braucht es wenig später die Live-Cam). Astrid Lindgrens Roman »Karlsson vom Dach« wird vom Theater Grüne Sosse für die Sechsaufwärtsjährigen als Solo mit dem Performer Arthur Romanowski zelebriert, der außer dem in jedem Sinne unverschämten Karlsson auch den schüchternen Lillebror gibt, nebst dessen Eltern, Geschwister, Nachbarn und Hund.
Das Ungewöhnliche an der in den 50er Jahren entstandenen Geschichte um Karlsson und Lillebror ist die völlige Untauglichkeit des schon recht alten fliegenden dicken Titelhelden zum pädagogischen Vorbild für junge Leser. Der Typ ist forsch, egoistisch, ungehobelt und rechthaberisch, prahlt damit, »ein Mann in den besten Jahren« zu sein, und scheut sich auch nicht, seinen Freund zu betrügen, nur um eine Wette zu gewinnen. Kein Besuch, bei dem der eigentlich wenig sympathische Dachbewohner mit dem lapidaren Satz »Das stört doch keinen großen Geist« ein Chaos mit dicken Schäden hinterlässt, die der arme Lillebror bei seinen Eltern ausbaden muss. Die Frage, was diesen (wie auch die Lindgren-Leser) so fasziniert an dem Unhold Karlsson, kommt da ganz wie von selbst und muss nicht lange auf Antwort warten.
Im Theaterhaus gelingt das umso besser, als Arthur Romanowski das alle Regeln brechende anarchische Prinzip nachgerade charismatisch zu verkörpern weiß. So forsch und gradeheraus wie mit Lillebror – für den er die gelbe Jacke abstreift und die Sonnenbrille ablegt – tritt der Darsteller von Beginn an auch mit seinem jungen Publikum in Aktion: Hält es dazu an, ihn mit »Heißa Hopsa Karlsson« willkommen zu heißen; organisiert mit ihm Sprechchöre, geht immer wieder einzelne an, und schickt, nachdem er gegen alle Mahnungen der Eltern im Umgang mit technischen Geräten das Zimmer von Lillebror in Trümmer legt, sämtliche Kids aus der ersten Sitzreihe zum Aufräumen auf die Bühne. So fügsam und beflissen reagieren wohl die wenigsten, wenn sie zuhause dazu angehalten werden. Hier aber ist es natürlich ein Riesenspaß. Voll dabei ist die Schar auch als die beiden mit dem Standmixer einen Zaubertrank aus Fanta, Schokolade, Erdnüssen, Brausepulver und anderem Naschzeug brauen. Nur probieren will dann doch niemand.
Die von Ossian Hain, Liljan Halfen und Romanowski aufbereitete Inszenierung setzt diesen mitreißenden Spaß mit Videoeinspielungen, Livekameras und einer um ein Riesenbett üppig bestückten Zimmerlandschaft um, in der die Geräte blinken und leuchten, silberne Rohre mächtig Dampf ablassen und eine permanente Soundkulisse weht, in die sich – das wird aber nur den Älteren bewusst und verständlich – die Pixies-Weise vom verlorenen Bewusstsein verwebt. Wer so Theater kennenlernt, wird ganz gewiss keine Sekunde zögern, wenn der nächste Besuch auf dem Stundenplan steht. Davor sei wenigstens gewarnt. Einfach Klasse.

Winnie Geipert / Foto: © Katrin Schander
Termine: 21.–24 November, 10 Uhr; 26. November, 11 Uhr
www.theaterhaus-frankfurt.de
www.theatergruenesosse.de

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