English Theatre zelebriert Mel Brooks Musical »Young Frankenstein«

Ein verschusselter Prof, eine New Yorker Exzentrikerin mit versextem Sinn, ein zünftiges (deutsch-)stämmiges Landmädel: Klischee, Klischee. Nichts so Klischee, wie Mel Brooks irre Typen. Und nichts geeigneter in dieser komischen Zeit, den Corona-Koller zu vertreiben .

Das Musical »Young Frankenstein« im English Theatre kommt zur rechten Zeit: gut 200 Jahre nach Mary Shelleys Roman »Frankenstein« (1818), nicht ganz 100 Jahre nach dessen Verfilmung mit Boris Karloff (1931), beinahe 50 Jahre nach Mel Brooks filmischer Parodie (1974) und exakt 14 Jahre nach deren Musical-Fassung am Broadway (2007), für die der zusammen mit Tom Meehan verantwortliche Autor Brooks sogar die Musik komponierte. Nur der große Hit der Show, »Puttin‘ On the Ritz«, geht auf Irvin Berlin (1929).
Erzählt wird, wie der als Neurobiologe dozierende Enkel und Erbe des verstorbenen Victor Frankenstein nach Transsylvanien reist, um die ihm peinliche Verbindung zum verrückten Großvater ein für alle Mal zu beenden. Und doch sind es dessen Bücher und Notizen, die den Enkel verleiten, Opas Idee von der Schaffung neuen Lebens endlich erfolgreich zu Ende zu bringen.
Auf einer sich durch seitliche Schiebewände und Lichttechnik ständig wandelnden Bühne startet Derek Andersons Inszenierung mit Werbespots aus den frühen 60ern. Die Flintstones rauchen Winston, die Hausfrau freut sich über weißestes White. Der kleine Vorfilm könnte uns zeigen wollen, dass der Mensch der Moderne noch immer ein Mängelexemplar ist, das eines neuen Prometheus bedarf. Will er aber gar nicht, sondern wirklich nur Vorfilm sein für die originale Vorlage. 20th Century Fox presents, der Vorhang fällt, und schon ist aus dem Kino ein Hörsaal geworden und aus dem Publikum ein studentisches Auditorium.
Der Frankfurter Frankenstein-Erbe tritt uns als eine mehr als nur angedeutete Variante von Charlie Chaplin entgegen, mit dünnem Oberlippenbärtchen, wuselig aufgedrehtem Schopf und im steten grimassierenden Kampf mit den Widrigkeiten seiner etwas schusseligen Existenz. Aber keineswegs als Kopie! Dass Keith Ramsay auf der Insel auch im komischen Fach zuhause ist, kommt seiner Rolle mehr als zupass: Er tanzt, er singt, er steppt und ist immer in Bewegung – selbst auf der Fahrt mit der transsylvanisch-germanisch jodelnden Inga im Heuwagen, die denn auch prompt seine Assistentin wird.
Ramsay glänzt in einem toll besetzten Ensemble, das ihm eine ganze Reihe von Mitspielern auf Augenhöhe beschert. Angefangen beim buckligen Igor von Shaun Chander, der gar nicht erst versucht, den Marty-Feldmann-Gnom zu geben, sondern als eine Art Buddy mit starker Stimme und Präsenz begeistert. Zur echten Überraschung aber wird Leanne Pinders gebrechliche, vom Tremor geschüttelte Haushüterin Frau Blücher, die selbst ihr Rollator nicht hindern kann in den Spagat zu fallen. Als Geliebter des alten Vic Frankenstein (»He was my boyfriend«) blieb ihr nichts Menschliches fremd, und schon gar nichts Unmenschliches. Zum Hype wird der drastische deutsche Akzent, den Brooks hier den Siebenbürgern unterlegt. Bei Frau Blücher sind es die vielen »Jas« und »Herr Docktors«, während ihre in jedem Sinne offenherzige heidiblonde Landsmännin Inga (Leah Barbara West) sich mit einem deutschen Silbensalat einführt und vieles einfach »schtupid« findet.
Schön zu sehen, wie aus dem Filmgag um Fredericks keimfreien Abschied von seiner Fiancé Elizabeth (Corrine Priest) hier mit dem Song »Don’t Touch Me« ein Musical-Highlight wird, auch wenn der Tits-Vers gestrichen scheint. Ihren Roar lässt die Darstellerin bei der ultimativen Entdeckung des Monsters spüren: wäre ihre Elizabeth keine Amerikanerin, nennten wir sie eine femme fatal. Womit wir endlich bei Nic Cain wären, der tatsächlich so groß ist, wie er scheint und womöglich auch so einnehmend, wie er das Monster gibt. Der Benjamin im Ensemble ist nicht nur der Größte in Feet & Inches, er legt auch eine phantastische Stepp-Performance auf das Parkett, wenn das Musical zu seinem umtosten Höhepunkt kommt. Das mit dem kompletten Ensemble bestrittene und von der Mal Halls sechsköpfiger Live-Band im Background kraftvoll angetriebene »Puttin‘ On the Ritz« raubt auch den Sitzenden den Atem und lässt die Augen (Choreografie: Lee Crowley) übergehen. Und ist es auch Wahnsinn, so hat er doch Methode. Politically völlig inkorrekt. Auf keinen Fall versäumen!

Winnie Geipert (Foto: © Kaufhold)

Bis 6. März: Di.–Sa., 19.30 Uhr; So., 18 Uhr
www.english-theatre.de

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