»Gravity« im Staatstheater Mainz

Plötzlich poltert es laut auf der Treppe, die eine der beiden Tribünen in zwei Hälften teilt. Als wäre jemand unglücklich gestolpert und würde nun hilflos die Stufen herunterfallen. Doch der Sturz ist geplant, ein Tänzer holpert gekonnt wie ein Stuntman bäuchlings die einzelnen Absätze herab. Die Schrecksekunden sind vorbei. Den Halt zu verlieren, auf den Boden zu knallen und wieder aufzustehen, das ist das Thema des knapp einstündigen Abends.
»Gravity« hat die in den USA geborene Choreographin Rafaële Giovanola diesen genannt. Zum wiederholten Male arbeitet die Schweizerin mit dem Ensemble von tanzmainz zusammen. 2022 hatte sie mit den Rheinland-Pfälzern in »Sphynx« das Thema Fortbewegung behandelt; die Kooperation wurde mit dem Faust-Theaterpreis belohnt. Jetzt ist es die Schwerkraft, der sich die Tänzer*innen gemeinsam mit ihrer »Wunschchoreographin« widmen, wie Direktor Honne Dohrmann im Programmheft schreibt.
Im Kleinen Haus des Staatstheaters kann das Publikum dabei von zwei Seiten zuschauen und ist dem Treiben auf der blauen Fläche ganz nahe. Anfangs ist es vor allem ein Einzelner, den es ständig hinhaut, der sich bei einem Pas de Deux nicht auf den Beinen halten kann. Immer wieder geben diese unter Lin van Kaam nach, während Cornelius Mickel diesen Kraftverlust des Nebenmannes die meiste Zeit über nur emotionslos beobachtet. Irgendwann entsteht aus dieser um sich greifenden Schwäche ein Fluss. Die Tänzer*innen gleiten, taumeln von einer Seite des Bühnenraums zur anderen, kippen um, schieben sich weiter, aus den Türen hinaus und bald, abwärts hechtend, wieder gegenüber hinein. Unfassbar, wie viele Varianten es gibt, den Kampf gegen die Erdanziehung zu verlieren, wie brutal es sie hinunterreißt, wie sie dabei noch mal hochhüpfen und springen, als würden sie beim harten Aufschlag abprallen, um letztendlich auf den Untergrund zu sinken und weiterzuschlittern. Dann halten sie mittendrin inne, bleiben wie bei einer Kerze auf dem Nacken liegen, die Beine wie zappelnd in die Luft gestreckt und in dieser Haltung verharrend, als würde es den Sog nach unten gar nicht geben.
Selbst wenn alle stehen, hält sich dieser Zustand nicht lange. Wie bei einem seuchenartigen Krankheitsbild verlieren nach und nach alle ihre Energie, die einen versuchen die anderen zu stützen, um dann selbst aufzugeben. Wie ein Opfer wird jemand auf Händen getragen, doch auch dieses Hoch ist nicht von langer Dauer.
Der Gedanke an eine symbolische Darstellung des Lebens liegt nahe: Nach Rückschlägen wieder aufstehen, nicht aufgeben, weitermachen und auch die nächste Krise wegstecken. Das Klangbild dient als schicksalhafter Rhythmus, mit Techno treibt Tiago Cerqueira die Masse an und bremst sie aus.
Anfangs tragen die sich Quälenden noch vermeintlich schützende Kleidung und Kapuzen, Knieschoner behalten einige auch später an, als viele Arme und Schultern blank, die Stoffe aus der Werkstatt von Lucia Vonrhein dünner, fast transparent sind. Doch allein das Zusehen tut schon weh, und diese Rücksichtslosigkeit mit dem eigenen Körper, die nur jene schadlos überstehen, die wie diese Künstler extremste Bewegungen beherrschen, fesselt und fasziniert. Nur ganz am Ende ist die Spannung zu früh raus.

Katja Sturm / Foto: © Andreas Etter
Termine: 13., 15., 17., 30. Dezember, 19.30 Uhr; 15. Dezember, 15 Uhr; 31. Dezember, 20 Uhr
www.staatstheater-mainz.com

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