Die achtzig Jahre von der Weimarer Republik bis zu Wiedervereinigung und Nachwendezeit passen wohl zwischen zwei Buchdeckel – aber auch in einen zweistündigen Spielfilm mit mehr als einem Dutzend Protagonisten? Volker Schlöndorff, der mittlerweile 87-jährige Experte für Literaturverfilmungen, hat es gewagt, »Heimsuchung«, den Roman von Jenny Erpenbeck zu verfilmen, der gerade in einigen Bundesländern Schullektüre geworden ist.
Was für ein deutsches Jahrhundert! Dieser Gedanke drängt sich auf, wenn man Schlöndorffs Literaturadaption gesehen hat. Und dabei sind Kaiserreich und Erster Weltkrieg noch außen vor gelassen. Aber auch so bleibt genug zu erzählen: NSDAP-Herrschaft, Holocaust und der Zweite Weltkrieg, bis heute Stoff für zahllose Filme und das Nachtprogramm der beiden kommerziellen deutschen Nachrichtensender. Dazu kommen die sowjetisch erzwungene SED-Herrschaft, die sich demokratisch nannte, und mehrere ernsthafte Demokratieversuche. Es herrschte tatsächlich kein Mangel an Ideologien und Regierungsformen in Deutschland.
Die Schriftstellerin Erpenbeck schlägt in »Heimsuchung« einen balladenhaften Ton an. In ihrem Buch sind die Personen namenlos: der Großbauer und seine vier Töchter, der Architekt, der Tuchfabrikant, die Schriftstellerin usw. sind gewissermaßen Beispiele für verschiedene Existenzformen. An ihnen demonstriert die Autorin, dass der Menschen Schicksal vor allem von der Politik bestimmt wird. Sie beschreibt die politischen Entwicklungen, indem sie deren Auswirkungen auf die Privatsphäre der betroffenen Menschen zeigt. Von dem Buch sei er fasziniert gewesen und auch heute erscheine ihm besonders aktuell, sagt Schlöndorff, dass niemand mehr das Gefühl habe, die Kontrolle über sein Leben zu haben.
Die Romanfiguren besitzen, bewohnen oder besuchen nacheinander ein Haus, das malerisch gelegen ist an einem See in der Nähe Berlins und doch fernab der Machtzentrale, in der über das Land entschieden wird. Einzig der Gärtner bleibt dem Anwesen erhalten. Schlöndorff hat sich als Drehort das Sommerhaus Albert Einsteins ausgesucht, der mit der Machtergreifung der Nazis als verfemter Jude Deutschland verließ.
Den exemplarischen Charakter der Figuren hat er übergangen. Statt dessen sorgt er als erfahrener Regisseur mit einem beachtlichen Aufgebot an bekannten deutschen Filmgrößen für Aufmerksamkeit. Detlev Buck verkörpert zu Beginn den Großbauern mit seinen vier Töchtern, von denen diejenige, die das Grundstück erben soll, schwanger und somit des Erbes unwürdig geworden ist. Er teilt das Anwesen und verkauft die Hälfte mit dem Badehaus an einen jüdischen Tuchfabrikanten (Ulrich Matthes), der es aber bald wieder verkaufen muss, um die Ausreise eines Teils seiner Familie zu finanzieren. Dass er vom Käufer nur den halben Verkehrswert bekommt, zeigt, wie im Dritten Reich die Notlage der jüdischen Mitbürger ausgenutzt wurde, bevor es auch dazu zu spät war. Äußerst bewegend ist, wie die jüdische Familie ihre Sachen für einen kurzen Urlaub in Osteuropa packt, ohne zu ahnen, dass ihnen eine Fahrt in den Tod amtlich angeordnet worden ist.
Ein neues Haupthaus muss her, und der Architekt (Lars Eidinger) lässt für seine Frau (Susanne Wolff) ein Haus im Stil der Zeit errichten (eben jenes Einsteinhaus im Film). »Ein Haus ist wie eine dritte Haut, und es muss ganz und gar seinen Bewohnern dienen«, doziert er. Dieser Architekt ist eine interessante Figur: kein glühender Nazi, sondern ein enttäuschter Träumer, der sich gerne als Hitlers großer Baumeister für das neue Berlin gesehen hätte. Doch sein Konkurrent Albert Speer hat diese Position bekommen, was sich für ihn später als günstig erweisen wird.
Nach dem Krieg legt er einen reibungslosen Übergang zum Sozialismus hin – auch in der DDR gelang es einigen, ihre Nazi-Vergangenheit zu verbergen. Doch der Architekt scheitert an der Materialknappheit in der sozialistischen Planwirtschaft. Er kann nach einem aufgedeckten Schraubenkauf in West-Berlin gerade noch der Verhaftung entgehen und flieht mit seiner Frau in den Westen.
Befremdlich ist die Kriegs-Episode mit einem jungen Rotarmisten, der im Buch von einer deutschen Frau geradezu verführt wird. Im Film ist daraus eine sich zwischen Vergewaltigung und Einverständnis bewegende Sexszene geworden. Beide Versionen sind nach den dokumentierten Vorkommnissen während der sowjetischen Besetzung Deutschlands nicht akzeptabel.
Der DDR-Teil des Buches ist durch die Familiengeschichte der Autorin geprägt. Die journalistisch und literarisch tätigen Großeltern überleben den Zweiten Weltkrieg im Exil in der UdSSR und kehren 1945 nach Ost-Berlin zurück. »ICH KEHRE HEIM« tippt im Film die Schriftstellerin (Martina Gedeck) auf ihrer Schreibmaschine, die sie während ihrer gesamten Emigration wie ihren Augapfel gehütet hat. Sie glaubt sich in der DDR willkommen, muss sich aber bald ihre Privilegien erkämpfen und nach der Wende den Käufern aus dem Westen weichen, weil sie Immobilienbesitz prinzipiell ablehnt und sich das Haus nicht hat überschreiben lassen.
Schlöndorff hat aus Erpenbecks hoch gerühmter, aber etwas sperrigen Erzählung einen mitreißenden Film gemacht. Er wird – so ist zu vermuten – auf lange Sicht die anspruchsvolle Lektüre ersetzen, die mancher Schüler auch für sich als eine Heimsuchung empfinden dürfte.
